Ergiebige Heimatkunde

Das glauben vielleicht viele zu können: „Einfach“ über einen seltsamen Verwandten schreiben, dessen Dasein einem auf der Seele liegt. Aber wehe, wenn man es versucht. Dann kommt in den seltensten Fällen Literatur dabei heraus.

Umso höher ist dieser Schriftsteller einzuschätzen: Andreas Maier (Jahrgang 1967, Romanerfolg „Wäldchestag“) erinnert sich in „Das Zimmer“ eingehend an seinen „Onkel J.“ Dieser nur mit dem Initial benannte Mensch war geistig zurückgeblieben, nach seinerzeit landläufigen Maßstäben also ein „Idiot“. Doch sein nahezu unbemerkt und folgenlos verstrichenes Leben war, so wie Maier davon berichtet, durchaus bemerkenswert.

Zum einen verblieb Onkel J., trotz (vornehmlich nach innen gekehrter) aggressiver Anwandlungen, im nahezu kindlich-naiven Stande der Unschuld, zum anderen brachte er ungewollt einige Wesenszüge der Wetterau auf den (weitgehend wortlosen) Begriff. Der Erzähler sieht es als seine Aufgabe an, „dem Onkel eine Sprache zu geben…, denn sonst wäre er gar nicht da und einfach tot und vergessen…“ Er legt Wert auf die Feststellung, dass dieser bedauernswerte Mensch „auch ein Leben hatte und von Gott in dieses Leben hinein geschaffen war…“ Und er versetzt sich nun in diesen Menschen hinein, indem er in dessen früherem Zimmer schreibt. Doch wahrt er auch die nötige Distanz.

Es handelt sich um eine besondere, ergiebige Form der „Heimatkunde“. Die Wetterau, jener provinzielle Landstrich im Hessischen (Bad Nauheim, Friedberg), wird im Wesentlichen um die Mitte bis gegen Ende der 1960er Jahre geschildert (Gipfel- und Wendepunkt: die im Fernsehen zelebrierte Mondlandung 1969), und zwar durchaus unaufgeregt, wie es der Randlage entspricht. Doch selbst die vermeintlich unscheinbarste Beobachtung birgt noch Bezeichnendes. Zumal es einst Brückenfiguren zur großen Welt gegeben hat: Der russische Zar absolvierte hier Kuren, auch Sissi und Einstein sind hier gewesen – und Elvis war hier 1958 bis 1960 als Soldat stationiert, so dass sich dessen Wege mit denen des Onkels sogar vage gekreuzt haben. Doch welch ein Kontrast zu jedwedem Glamour!

Das stickige Aroma der 60er kann man geradezu lesend einatmen. Es war eine Zeit des „Noch“: Noch keine großen Staus, daher auch noch keine Ortsumgehungsstraßen, noch ein wenig Dialekt und noch sehr viele Frauen in Kittelschürzen auf den Dörfern. Es wird noch kräftig geraucht und tagsüber bei der Arbeit gesoffen, doch man legt auch noch verbissen Wert auf Sauberkeit und Ordnung – und die Züge haben noch keine Verspätung. Zitat: „In den sechziger Jahren hatte bereits die Gegenwart einen Gelbstich.“

Vor diesem Zeithorizont hat Onkel J. ein armseliges Leben geführt (richtiger wohl: „es“ hat ihn geführt). Dieser detailgesättigte, sanftmütige, emphatische, nur in Maßen ironische Roman gleicht einem nachträglichen Rettungsversuch, einer Bewahrung, Bergung und Verteidigung dieses kleinen, abgeschiedenen Daseins, folglich ist der Text mit Vergeblichkeit, Melancholie und Zeitweh getränkt. Denn für eine wirkliche Rettung ist es ja viel zu spät. Und im krassen Gegensatz zu Thomas Bernhard, mit dem Maier öfter verglichen wird, steigert sich Letzterer niemals in haltlose Hasstiraden hinein.

Eine unheimliche Hauptrolle spielt der Wagen des Onkels, ein brauner VW Variant Kombi (der auch das Buchcover ziert), mit dem er sozusagen den Laufburschen der Familie spielen muss; stets zähneknirschend und in sich hinein fluchend, doch kläglich machtlos. Zwangsneurotisch rituell prüft er jedes Mal das nazifarbene Fahrzeug, als ginge es ins Weltall: „Nun sitzt er drin. Alle Armaturen noch da. Tacho da. Drehzahlmesser da. Schaltknüppel, alles an seiner Stelle. Lenkrad noch nicht angreifen! Rückspiegel kontrollieren. Türe bereits geschlossen? Türe geschlossen! Auch die Uhr kontrollieren, Uhrenvergleich mit seiner Uhr am Handgelenk. Uhrzeit normal, Vergleich richtig. Alles ordnungsgemäß und einwandfrei und startbereit…“

Einflussreiche Verwandte haben dem Onkel einen Job bei der Paketstation am Frankfurter Hauptbahnhof besorgt. Ein Posten, den er nahezu als hoheitliche Aufgabe versteht. Manchmal wandelt ihn sexuelle Versuchung im Rotlichtviertel der benachbarten Kaiserstraße an, doch dann kehrt er pünktlich zu seiner Mutter heim. Sie und die Waldnatur sind seine Ruhepunkte. Seine sonstigen Sehnsüchte heften sich an Militärtechnik oder an Gestalten wie Luis Trenker und Heino. Ein Wunder dieses Romans: Selbst solche Irrungen vermag man nachzuvollziehen; wiewohl man weiß, dass sie eine politisch fragwürdige Tönung annehmen können.

Das Buch ist angeblich der Beginn einer weit ausgreifenden, vielbändigen hessischen Familiensaga. Nur zu!

Andreas Maier: „Das Zimmer“. Roman. Suhrkamp Verlag.203 Seiten. 17,90 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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