„Nach all dem Streben das Sterben zu üben“ – Notizen aus der Inneren Coronei (2)

Notizbuch, noch voller Hoffnung
Foto: Gerd Herholz

Seit Wochen schrie mein schwarz eingebundenes Moleskine vergeblich nach Alltagsskizzen, heftigen Bildern oder Dialogfetzen. In solch ein Notizbüchlein sollen schon Hemingway, Picasso oder Bruce Chatwin notiert haben, was ihnen durch den Kopf schoss. Ich aber hatte mit keinem einzigen Bleistiftstummel  zumindest Stichworte hineingekritzelt. Schon gar nicht klassische Sätze à la Ernest H. wie etwa: You belong to me and all Gelsenkirchen belongs to me and I belong to this notebook and this pencil.
O über all die leeren, unbeugsamen Seiten!

Verzweifelt wünschte sich mein ausgehungertes Notizbuch, es hätte noch etwas von Baum, von Buche vielleicht, und könnte seine Blätter abwerfen, bis es kahl daläge, von niemandem je genutzt und zu nichts mehr zu gebrauchen. So voller Verzagtheit hat das Büchlein vor einigen Tagen unvermittelt begonnen, selbst krude Einfälle auf dem Papier erscheinen zu lassen, um die ungeheuer trostlose Leere in seinem Innern zu kaschieren. Angst vor dem weißen Blatt? Die kannte es nicht, denn viel zu lange war es selbst nichts als weißes Blatt gewesen. Nun also erschienen täglich neue Menetekel, wie von Geisterhand aufs Blatt geworfen. Kommentare, Fußnoten zu einem unerfüllten, papiernen Leben, Vermerke, die nach ein paar Minuten wieder verblassten. Als wären sie mit einer Geheimtinte geschrieben, die mahnte: Lies! Schreibe!

Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt,
dass der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.

Wünschte sich das Notizbuch tatsächlich, dass ich solch kryptischen Worte als Flaschenpost läse, von einer Muse an den Gestaden Griechenlands in jenes Mittelmeer geworfen, das sonst doch alles Menschliche verschluckt? Lauerten da versteckte Botschaften eines Irren oder gar Nachrichten eines Verschollenen, der im Grunde ich selbst bin? Ziemlich verstört hatte ich mir unverzüglich ein zweites Notizbuch zugelegt, in das ich eiligst jene flüchtigen Botschaften notierte, die mein erstes Notizbuch aufleuchten und flugs wieder verschwinden ließ.

War es Kränkung vielleicht, vielleicht Eifersucht, die mein erstes Notizbuch vorgestern dazu bewog, in einem Akt der Selbstentzündung erst sich selbst, dann meine ganze Bibliothek und endlich die Wohnung in Brand zu setzen und mich in die Obdachlosigkeit zu treiben?

Mit meinem zweiten Notizbuch, das ich immer bei mir trage, gehe ich zur Stunde deshalb hochgradig sorgsamer um. Hier auf der Klappcouch bei Freunden lese ich darin noch einmal, was ich kürzlich sorgsam übertrug. Und hoffe, dass sich das neue Notizbuch nicht auch grämt, post-traumatisch, weil es so gar keine Einträge vorweisen kann, die allein für es selbst bestimmt sind – von mir für es. Vielleicht sollte ich noch viel vorsichtiger sein, unverzüglich beginnen, alle kopierten Botschaften auszuradieren, die Haut des Papiers sanft aufzurauen, bis Notiz um Notiz verwischte und unsichtbar würde. Notizen wie diese hier:

Nulla dies sine linea?
___________________________________________
___________________________________________
(Heute gleich zwei. Geht doch.)


Textbaustein für eine Kürzestkritik

XXX:
Schon wieder ein Buch,
das nicht hätte erscheinen dürfen.


Vokalübung mit I:
Richtig, nicht wichtig: In mir ist ICH nicht in Sicht!


Hundeleben
Mit dem alten Hund Gassi gegangen.
Es dauert jetzt immer länger,
bis er endlich scheißt – zu harten Kot, zu weichen Kot.
Ich stehe dabei, verharre, schaue zu,
wie er in der Hocke kauert,
und lerne,
dass ein jegliches seine Zeit hat
und alles Vorhaben unter dem Himmel seine Stunde.


Anagrammatik

Um nach all dem Streben das Sterben zu üben, das weiß jeder,
muss man nichts weiter lernen, als nur zwei Buchstaben zu vertauschen.


Schienen
-/Sprachsuizid
Statistisch gesehen scheint es möglich,
dass jeder Schienenfahrzeugführer
in Deutschland
einmal in seinem Berufsleben
einen Selbstmörder oder Gleisgänger überfährt.
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch,
denn angesichts der hohen Rate
an gescheiterten Versuchen
gilt der Schienensuizid als ziemlich unsicher.
„Die Überlebenden leben häufig
mit abgetrennten Gliedmaßen weiter“,
schreibt Wikipedia.
Und ich hatte schon befürchtet, sie müssten
ohne
die abgetrennten Gliedmaße weiterleben.


Vielen Dank für Ihr Verständnis
Hinweisschild vor dem Eingang der Intensivstation:
Beschwerden bitte in den Koma-Kasten!

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