„Flüchtiges Begehren“: Mit dem 30. Fall bereitet Donna Leon ihren Commissario Brunetti auf den Abschied vor 

Wir müssen uns Donna Leon als glücklichen Menschen vorstellen. Nachdem die US-Amerikanerin einige Jahre um den Globus getingelt war und sich in verschiedenen Jobs ausprobiert hatte, fand sie in Venedig ihr privates Paradies und beschloss, Schriftstellerin zu werden.

Geschichte und Gegenwart der einstigen Handelsmetropole, das trübe Wasser der Lagune, die verwinkelten Gassen und der schöne Schein der Serenissima: genau der richtige Ort, um über Macht und Mafia und die Verbrechen nachzudenken, die aus Neid und Gier, Liebe und Hass begangen werden. Mit der Erfindung des unbestechlichen Commissario Brunetti, der sich schlafwandlerisch durch das labyrinthische Venedig bewegt, seine Familie abgöttisch liebt und sich in die Lektüre der alten Klassiker vertieft, um die menschlichen Abgründe besser verstehen zu können, gelang ihr auf Anhieb mit „Venezianisches Finale“ der Durchbruch zur Besteller-Autorin.

Um ihren Leidenschaften zu frönen, barocke Ensembles zu alimentieren und der geliebten Musik von Georg Friedrich Händel zu lauschen, wo immer sie zur Aufführung kommt, musste sie „nur“ jedes Jahr einen neuen Brunetti-Krimi schreiben. Die spezielle Melange aus venezianischem Flair, sanfter Ironie und einem Setting mit dem immer gleichen Personal (die kluge und warmherzige Gattin Paola, die engagiert-aufbrausende Tochter Chiara, der rebellisch-pfiffige Sohn Raffi, der beharrlich-bauernschlaue Mitarbeiter Vianello, die Internet-affine Elettra, der dumpfbackig-eitle Vorgesetzte Patta) war stets Garant für gute Unterhaltung. Dass der Autorin allmählich (beim 30. Fall) die Puste ausgeht und sie der Stadt Venedig und ihres sympathischen Commissario überdrüssig scheint, ist ebenso bedauerlich wie verständlich.

Es beginnt mit harmlosen Flirts

Der neue Band „Flüchtiges Begehren“ ist angekränkelt von menschlicher Trübsal und literarischer Trauer: Abschied liegt in der Luft, das Ende scheint nahe. Das spürt auch Brunetti. Er schleppt sich nur noch lustlos ins Büro. Er blättert in den Zeitungen, trinkt einen Espresso nach dem anderen. Wartet auf den Dienstschluss. Dass sich etwas menschlich Fehlbares ereignet, das sich bald zu einem widerlichen Abgrund weiten wird, merkt Brunetti erst, als ihn seine neue Mitarbeiterin, Claudia Griffoni, darauf hinweist. Sie ist kürzlich von Neapel nach Venedig versetzt worden, sorgt für Frauen-Power und verdrängt allmählich den Kollegen Vianello, der nur noch als Nebenfigur schattenhaft durch den Roman geistert.

Die kriminalistischen Verwicklungen beginnen ganz harmlos. Zwei venezianische Burschen flirten auf dem Campo Santa Margherita mit zwei jungen amerikanische Touristinnen, unternehmen mit dem Boot eine Spritztour durch die Lagune. In der Dunkelheit rammen sie einen Pfahl, stürzen durcheinander und verletzten sich schwer. Die verängstigten Männer legen die bewusstlosen Frauen auf einem Steg des Hospitals ab, bevor sie das Weite suchen. Entdeckt werden die Frauen nur, weil ein Krankenhausmitarbeiter nachts auf dem Steg eine Zigarettenpause macht. Die beiden Flüchtigen sind schnell ermittelt. Doch was steckt hinter dem Unfall und dem befremdlichen Verhalten der Männer? Was verschweigen die beiden? Wovor haben sie Angst?

Wer ist überhaupt frei von Mafia-Kontakten?

Um Licht ins Dunkel zu bringen, müssen Brunetti und Griffoni das Leben der beiden jungen Männer durchleuchten, die schon zusammen die Schulbank gedrückt haben und mehr als nur kumpelhafte Freundschaft füreinander empfinden. Der eine, Berto Duso, ist inzwischen Jurist, der andere, Marcello Vio, ist Handlanger seines Onkels, Pietro Borgato, der ein paar Boote besitzt, mit ihnen Waren durch die Lagune schippert und schon öfter ins Fadenkreuz der Hafenpolizei geraten ist. Doch bisher konnte man dem gewalttätigen Borgato nicht stichhaltig nachweisen, dass er Kontakte zur Mafia unterhält und sich als Schmuggler betätigt.

Bis Brunetti das Geheimnis von Berto und Marcello lüften kann und herausfindet, warum sich die beiden vor Borgato fürchten und in welche schändlichen Verbrechen der Bootsbesitzer verwickelt ist, vergehen Tage und Wochen. Aqua Alta, das herbstliche Hochwasser, schwappt durch Venedig, kalter Nebel legt sich wie ein grauer Schleier über die vom Massentourismus verschandelte Stadt. Brunetti verzettelt sich in einfühlsame Gespräche mit den beiden verschreckten Jungs und führt langwierige (und langweilige) Besprechungen mit Küstenwache und Carabinieri der Inseln. Wem kann er trauen und wer ist frei von Mafia-Kontakten?

Ein Wiedergänger des Sisyphos

Es ist ein Buch des Grübelns und Zweifelns. Lange bewegt sich fast gar nichts. Brunetti ist von Gott und der Welt verlassen, er wartet nur noch darauf, entweder sanft zu entschlafen oder endlich den gordischen Knoten des menschlichen Elends durchschlagen zu können. Auf einen langen, zähen Stillstand folgt irgendwann ein kurzes, tödliches Finale. Zurück bleibt Brunetti, der den Stein wieder allein den Berg hinauf rollen muss. Doch als glücklichen Menschen können wir ihn uns kaum mehr vorstellen. Eher als einen melancholischen Wiedergänger von Sisyphos, der kurz davor ist, alles hinzuschmeißen und für immer seinen Abschied zu nehmen.

Donna Leon: „Flüchtiges Begehren“. Commissario Brunettis dreißigster Fall. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2021, 315 S., 24 Euro.

(Auch das Hörbuch, gelesen von Joachim Schönfeld, ist bei Diogenes erschienen. Preis: 21,99 Euro in CD-Form, 528 Minuten)

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