„The Wall“: Mitreißende Bilderfluten

Von Bernd Berke

Die britische Rockgruppe „Pink Floyd“ war mit ihrer Show „The Wall“ („Die Mauer“) 1981 auf Tournee. Es erschienen das dazugehörigen Platten-Album (Auflage 12 Millionen) und ein einschlägiges Buch. Nun wird das Spektakel auf Zelluloid vermarktet. Ab morgen kann man das Ergebnis in den Kinos sehen. Dann läuft der Film „The Wall“ an, in Breitwandformat und Dolby-Stereo versteht sich.

Regisseur Alan Parker hat laut Presseheft nur ein einziges „Wall“-Konzert von „Pink Floyd“ gesehen, jenes in der Dortmunder Westfalenhalle. „The Wall“ ist als Film aber kein Produkt geworden, das die Bühnenshow nochmals originalnah für die Kinozuschauer reproduziert. Parker ließ sich vielmehr von der Musik dazu inspirieren, die Geschichte des von Eltern und Erziehern „kaputt“ gemachten Rockstars Pink (Bob Geldof) neu zu gestalten. Dabei ist ein mitreißender Film entstanden.

Parker hat nach dem Drehbuch von „Pink-Floyd“-Chef Roger Waters in 16-wöchiger Dreharbeit einen opulenten Augenschmaus angerichtet. Spielfilmelemente wechseln mit aufregend choreographierten, wortlosen Szenen, zwischendurch gibt es fulminante Trickfilmeinlagen. Stets gilt: die Bilder schmiegen sich eng an den Ablauf der Musikstücke. Der Sound strukturiert das Geschehen. Meist bedeutet das (vor allem zerstörerische) Aktion und ein ungeheuer hohes Tempo. Die Alptraumgestalten, die Pink halluziniert, verkörpern Visionen ziellosen Hasses. Endlich zerbirst die „Mauer“, die der Frustrierte um sich aufgebaut hat – Symbol für psychische Panzerungen. Am Ende steht – tja, was eigentlich? – Befreiung und/oder Irrsinn.

Man müßte den Film eigentlich viermal sehen (was wohl nur altgediente „Pink-Floyd“ Fans ihrem Geldbeutel zumuten werden): einmal, um die Bilderflut zu bewältigen, von der man sofort in Bann gezogen wird, als gerate man selbst in den Strudel des Geschehens. Ein zweites Mal, um die Musik zu genießen. Ein drittes Mal, um den Gehalt der Texte wahrzunehmen, die als deutsche Untertitel laufen und ständig von den Bildern ablenken. Ein viertes Mal schließlich, um das alles zusammen auf sich wirken zu lassen.

Gerade weil der Streifen die Sinne also vielfach bestürmt, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Man wird nämlich nicht nur in Anspruch, sondem auch gefangengenommen von diesem Werk des ehemaligen Werbefilmers Parker. Für eigene Phantasie bleibt kein Platz. Das Stakkato der Bilder tenorisiert oft mehr, als daß es anregt. Genau darauf spekuliert der Film wohl auch: daß der Zuschauer sich ausliefert und nur noch aufnahmebereiter Konsument ist.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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