Klönschnack zum Kringeln: „Dittsche“ im Bochumer Schauspielhaus

„Biddä, biddä“: Olli Dittrich alias „Dittsche“ im legendären Bademantel beim Schlussapplaus im Bochumer Schauspielhaus. (Foto: Bernd Berke)

Vor ein paar Wochen hat sich hier die Frage erhoben, wie Comedians (oder wie man die höchst individuellen Meister ihres Fachs nun nennen soll) mit der gegenwärtigen Weltlage umgehen. Im Dortmunder Konzerthaus hat Helge Schneider eine erste Antwort gegeben und sich klugerweise jeder direkten „Stellungnahme“ enthalten. Statt dessen hat er das gemacht, was er am besten kann. Ihr wisst Bescheid.

Kurz darauf war – gleichfalls im Konzerthaus – Olli Dittrich alias „Dittsche“ angekündigt, auch er eine Kultfigur von hohen Graden. Aus Gründen habe ich seinen Auftritt versäumt. Doch jetzt hat sich noch einmal Gelegenheit ergeben, die Chose nachzuholen, und zwar im ehrwürdigen Bochumer Schauspielhaus.

Wie hat „Dittsche“ die Gemütslage der kriegerischen Zeiten „aufgegriffen“? Ebenfalls so gut wie gar nicht. Zwar stand seitwärts auf der ansonsten leeren Riesenbühne eine dittscheske Stellvertreter-Figur, der eine Ukraine-Fahne beigesellt war (gerade so, dass es nicht aufdringlich wirkte), doch gab’s einen zaghaften verbalen Hinweis erst ganz am Schluss des langen Abends. Da meinte Olli Dittrich beiläufig, man müsse eben auch mal wieder lachen, um das ständige Entsetzen auszuhalten. Womit er recht haben dürfte.

Erscheinung am Bühnenrand: Lookalike-Figur mit bekannter Flagge. (Foto: Bernd Berke)

Zum Lachen gab’s wahrhaftig viel. Streckenweise war’s zum Kringeln. „Dittsche“ war in Höchstform, sein Soloauftritt zog sich – mit kurzer Pause – über mehr als drei Stunden hin. Zum Abschluss seiner Tournee zeigte sich Olli Dittrich schließlich einigermaßen gerührt vom donnernden Applaus des Bochumer Publikums – und gab sich gar zu bescheiden: Dass „so ein Kasper wie ich“ auf diesen Brettern stehen dürfe, sei ja schon bemerkenswert, befand der Mann, der selbstverständlich im berühmten Bademantel, mit „Schumiletten“ und Aldi-Tüte auftrat. Auch das Bierchen („Ah, das perlt richtig…“) durfte nicht fehlen. Übrigens war in den Zuschauerreihen ein Hardcore-Fan auszumachen, der tatsächlich im Bademantel im Theater erschien.

„Dittsche“ griff tief in seine Geschichten-Kiste, erzählte von schreiend komischen Vorfällen, vor allem rund um „Herrn Karger“ (der Ex-Friseur aus der Wohnung unter ihm), doch auch von „Ingo-Mann“ und „Schildkröte“ selig. So redefreudig war Olli Dittrich, dass er dauernd herrlich abschweifte und sozusagen „von Hölzken auf Stöcksken“ kam. Es gibt ja bekanntlich diese schweigsamen Norddeutschen, die an ein paar wenigen Worten genug haben. Und es gibt z.B. jene Sorte von Hamburgern, die ohne Unterlass klönschnacken können. In Dittsche lebt auch dieser Menschenschlag auf. In diesem Sinne jagt denn eine „Weltidee“ aus seiner irrwitzigen Ideen-Werkstatt die andere – und immer wieder ist von Katastrophen mit tückischen Alltagsdingen die weitschweifige, aber niemals langweilige Rede. Man kann jeweils nur zu gut ahnen, dass Dittsche mal wieder fürchterlich Mist gebaut hat, doch schuld soll am Ende stets Herr Karger sein, der diesmal eine ganz andere Erzähl-Präsenz erlangte als in der Fernsehreihe, die zu kennen von unschätzbarem Vorteil war, wollte man allen Witz nachschmecken. Die Perspektive war freilich leicht verschoben, weil die anderen Serienfiguren eben nicht anwesend waren. Also konnte Dittsche nun mehr ü b e r sie reden. Und über den bärbeißigen Karger sowieso.

Später geht’s dann mehr um Promis und „Titanen“, als da zum Exempel wären: Olli Kahn, Dieter Bohlen, die Queen (mitsamt deren allergrößter Anhängerin: Frau Karger) und Dittsches hanseatisches Fußball-Idol Uwe Seeler. Im zweiten Teil spielt dann auch Olli Dittrichs aus dem wirklich wahren Leben gegriffene Offenbacher Großmutter eine zentrale Rolle. Allein ihre überlieferte Reaktion auf Eduard Zimmermanns „Aktenzeichen XY…ungelöst“ ist goldig genug, zumal in hessischer Mundart. Und wie Olli Dittrich zudem Ede Zimmermanns Standard-Mimik nach den stümperhaften Verbrechens-Filmchen nachmacht (ein schwerer Atemzug, bedenkliches Kopfwiegen, dann die ernsten Worte: „Kein Einzelfall.“), das ist einfach ziemlich göttlich.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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