Stimme der Vernunft: Goethes Iphigenie am Düsseldorfer Schauspielhaus

Kühl und klar schwebt Iphigenie (Tanja Schleiff) über dem Boden: Denn ihr Tempel besteht aus einer schlichten Plattform, an Schnüren aufgehängt. Ihre Religion heißt Vernunft und Menschlichkeit statt archaischer Opferrituale. Dieses „aufklärerische“ Gedankengut hat die Tochter des Griechenkönigs Agamemnon auf ihre Zufluchtsinsel Tauris mitgebracht. Nach und nach ist es ihr gelungen, König Thoas (Andreas Grothgar) und seinen Untertanen die blutigen Menschenopfer auszutreiben.

Foto: Programmheft zu Iphigenie/Düsseldorfer Schauspielhaus

Foto: Programmheft zu Iphigenie/Düsseldorfer Schauspielhaus

Mona Kraushaar inszeniert für das Düsseldorfer Schauspielhaus Iphigenie als selbstbewusste Frau von heute. In schlichtem grauen Hosenanzug managt sie das Tempelwesen der Diana und hält den liebeskranken König auf Abstand. Der reagiert allerdings weniger besonnen auf die weibliche Zurückweisung: Das männliche Ego ist gekränkt, jetzt will es Blut sehen. Iphigenie soll ihren eigenen Bruder Orest und seinen Gefährten Pylades (Konstantin Bühler) eigenhändig opfern.

Jakob Schneider spielt diesen Orest als einen, der die Grenze zum Wahn schon überschritten hat. Vaters Tod und Muttermord haben seine Psyche nicht verarbeitet, lassen ihn abdriften in Schuldgefühle und Selbsthass. Mehr heult und stammelt er, als dass er spricht. Ihn opfern? Warum nicht, er ist ja längst zerbrochen. Eine interessante Deutung, die den männlichen Figuren im Stück die emotionale Verwirrung und Iphigenie die Stimme der Vernunft zuordnet.

Doch hängt auch die Titelheldin einem Traum hinterher: Der heilen Familie, die sie schon längst nicht mehr hat. Ihre Sehnsucht nach der Heimat Griechenland ist stärker als die selbstgewählte Aufgabe der „Missionierung der Barbaren“ auf Tauris. Doch vielleicht will Iphigenie einfach frei sein und statt dem Vaterhaus ein Mutterhaus in Mykene errichten? Nach ihren eigenen Regeln, nach ihrer eigenen Moral, die sie durch die Weigerung hinterrücks zu fliehen statt selbstbewusst abzureisen, eindrucksvoll bekräftigt.

Ja, die Iphigenie ist ein Lehrstück mit moralischem Imperativ. Kraushaars Inszenierung verleiht dem gewichtigen Stoff eine gewisse Leichtigkeit, eine Plausibilität für uns Zeitgenossen. Und trotzdem kann man Goethe im Original hören.

Karten und Termine:
www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

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