Denkwürdige Vokabeln (10): Paradigmenwechsel

Also, ich hätte da schon mal ein paar Vorschläge für das Unwort des Jahres: „Betreuungsgeld“. Oder: „Herdprämie“. Oder: „Lebensleistungsrente“. Oder: „Durchbruch“. Oder: „Paradigmenwechsel“.

Wir könnten das ad infinitum fortsetzen und blieben doch stets bei ein und demselben Ereignis, den acht Stunden langen Verhandlungen zwischen Persönlichkeiten, die sich und ihre Themen furchtbar ernst nehmen, aber ziemlich wenig dazu beitragen, dass auch andere dieses tun. Stattdessen reden und rühmen sie – meist sich selbst – um Themen herum, deren gesellschaftliche Durchschlagskraft der eines altersschwachen Kirmesboxers gleichkommt.

Und je nach dem IQ ihrer Leser-, Hörer- und Seherschaft stürzen sich die Medienvertreter und –innen auf diese Vokabeln, nutzen sie zum Ruhme einer erfolgreichen Koalition oder zur (inzwischen kommt selbiges häufiger vor) Abkanzlung einer Amateurtruppe, die indes von einer abkanzlungs-resistenten Kanzlerin angeführt wird.

Schlagzeilen von heute, 6. November 2012 (Foto: Bernd Berke)

Schlagzeilen von heute, 6. November 2012 (Foto: Bernd Berke)

Ich habe noch Zeiten in Erinnerung, da konnten sich ernst zu nehmende Politiker und –innen schrecklich lange darüber streiten, was wohl der richtige Weg sei, die Republik und ihre östlichen Nachbarn durch eine Wende in den außenpolitischen Handlungsprinzipien einander näher zu bringen. Wenn das mal kein echter Paradigmenwechsel war. Heute reicht es bereits, sich um ein paar zwar recht kostspielige aber dennoch völlig dünnflüssige Wahlgeschenke zu balgen und ein noch flüssigeres Ergebnis zu erzielen, auf dass ein forscher Politiker den „Paradigmenwechsel“ bejubelt.

Zeus oder wer auch immer hilf! Thomas Samuel Kuhn, der 1962 in seiner Eigenschaft als amerikanischer Wissenschaftstheoretiker den Begriff in die Öffentlichkeit brachte, kreiselte womöglich im Grabe rum, wenn er erführe, wie inflationär man mit seiner Wortschöpfung hierzulande umgeht.

Aber, wenn wir so wollen, haben wir, als Mittler zwischen Öffentlichkeit und selbsternannten Eliten, eine gehörige Mitschuld daran, dass so ein Blödsinn erzählt wird. Mit unserem Verhalten haben wir politisch Verantwortlichen schon früh beigebracht, dass man möglichst hochtrabend formulieren muss, damit bei der späteren Berichterstattung eine Schlagzeile für diese oder jenen herausspringt. Hätte ein liberaler Bubi gesagt, dass er ein gutes Verhandlungsergebnis erzielt habe, wäre es berichterstattenden Zunftangehörigen schwer gefallen, dieser Feststellung auch nur etwas Berichtenswertes abzugewinnen. Stellt er sich aber vor die Kameras und trompetet vom „Paradigmenwechsel“, klingt es so wuchtig, dass bereits die Zeile vorformuliert vor den inneren Augen erscheint. Was lehrt uns Lesende, Hörende, Zusehende das? Je blöder die Nachricht, die ich zu verkünden habe, desto blähender formuliere ich sie.

Ich räume ein, dass ich mit meinem Paradigma (griechisch: Beispiel, Muster, Vorbild) nicht in die Reihe der Favoriten für das Unwort des Jahres gelangen werde. Aber vielleicht mit der „Herdprämie“.

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