Ein Findelkind in den Mühlen der Sprache: Claudia Bauer inszeniert Peter Handkes „Kaspar“ am Schauspiel Köln

Das Ensemble von „Kaspar“: Andreas Grötzinger, Julia Schubert, Elias Eilinghoff, Fabian Reichenbach, Annika Meier und Rebekka Biener (v.l., Foto: Birgit Hupfeld)

„Jeder ist heutzutage glücklich“: So lautet eine der Schlafschul-Weisheiten in Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Ein harmlos klingender Satz, der es in sich hat. Denn die Feststellung duldet keinen Widerspruch: Sei gefälligst glücklich. Und wenn du es nicht bist, stimmt etwas mit dir nicht. An solche sprachlichen Zurichtungen lässt Claudia Bauers Inszenierung von Peter Handkes „Kaspar“ am Schauspiel Köln denken.

Als Außenseiter ist Kaspar bei Claudia Bauer nicht ohne Weiteres zu erkennen. Von Beginn an steht er mitten in einem Kollektiv, das schon durch Vanessa Rusts Kostüme zugerichtet wirkt: hellblaue Anzüge mit grotesk ausladenden Schulterpolstern, weite, wadenkurze Hosen, darunter bunte Rautensocken und schwarze Schuhe. Auf die Wangen gemalte rote Kreise lassen ans Kasperletheater denken. Das Publikum gluckst, als Kaspar, von den anderen dicht umstanden, automatenhaft den einzigen Satz wiederholt, den er sprechen kann: „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.“ Elias Eilinghoff wirkt in der Rolle wie ein hilfloser Riese, eingeschlossen in seiner Kraft.

Handkes 1968 uraufgeführtes Stück lässt sich als Kritik an autoritärer Erziehung und gesellschaftlichem Anpassungsdruck lesen. Sprache erscheint darin nicht als neutrales Werkzeug der Verständigung, sondern als Mittel der Disziplinierung. Kaspar wird sein einziger Satz ausgetrieben; danach muss er neue „Modellsätze“ lernen. Weitere Kaspars tauchen auf, die ihm völlig gleichen: Anpassung bis zur Verwechselbarkeit. Doch die gewonnene Sprache bedeutet keine Selbstbestimmung. „Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen“, erkennt Kaspar.

Elisabeth Coudoux (Cello) und Arpen Daks (Foto: Birgit Hupfeld)

Claudia Bauer macht aus Handkes Textfläche eine Partitur. Aus Wiederholungen werden Loops wie in der Minimal Music; Hohlfloskeln aus dem Politikbetrieb erklingen in zeitversetzten Einsätzen. In Songs lernt Kaspar Verben wie „ordnen, stellen, legen, setzen“. Phrasen, die aus einer Ausgabe von „Schöner Wohnen“ stammen könnten, werden ihm als Yoga-Mantra verabreicht.

Das rhythmische Cellospiel von Elisabeth Coudoux und die Livemusik von Arpen Daks treiben die „Einsager“ an. Sie wirbeln mit Gegenständen über die Bühne, deren Namen sie Kaspar eintrichtern wollen: Tisch, Stuhl, Schrank. Der Schrank wird zum Schauplatz von Gewaltexzessen. Kaspar wird darin eingesperrt und kommt als Gorilla wieder heraus. Ein Ensemblemitglied wird hineingeprügelt; zeitgleich mit den Sätzen fallen nun die Schlagstöcke. Die sprachliche Zurichtung geht in körperliche Gewalt über.

Das Ensemble stürzt sich in dieses groteske Musical, bis die Gesichter vor Schweiß glänzen. Mit rhythmischer Präzision koordinieren die Darsteller Sprache und Bewegung: Sie singen und tanzen, skandieren, brüllen oder spucken Konsonanten. Sie dreschen die üblichen Bewerbungsgesprächsfloskeln, bis deren Hohlheit in den Ohren dröhnt. Auf Kaspars Geburtstagsparty, die Live-Kameras (Ulrike Schild) aus einem Häuschen auf der Bühne übertragen, mischt sich Polit-Talk mit Selbsthilfegruppen-Jargon.

Die schrille Revue fordert jedoch Geduld: Die Fülle der Aktionen, das unablässige Wiederholen und Skandieren machen Handkes Sprachkunstwerk nicht unbedingt verständlicher. Was während der Aufführung mitunter hinter dem Spektakel verschwindet, tritt erst im Nachdenken deutlicher hervor: wie viel Vorgefertigtes die eigene Sprache durchzieht, wie oft Sprechen bloßes Nachreden ist.

Gegenwartsschärfe besitzt Bauers Inszenierung gleichwohl. Sie zeigt, wie Sprache zur pausenlosen Selbstdarstellung verkommt: Es wird geredet, um dazuzugehören; die fertige Wendung ersetzt den eigenen Gedanken. Erschreckend ist nicht nur, wie Kaspar das Sprechen lernt, sondern auch, wie vertraut seine Lektionen inzwischen klingen.

In den Schlussjubel des Premierenpublikums mischten sich vernehmliche Buhrufe.

(Informationen: www.schauspiel.koeln)

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