Zum Tod von Peter Rühmkorf: Hochseilartist der Sprache

Welch eine betrübliche Nachricht! Peter Rühmkorf ist tot, der wohl vielseitigste und wortmächtigste Gegenwarts-Lyriker deutscher Sprache. Man hat bang damit rechnen müssen, denn der 78-Jährige war seit längerer Zeit schwer krebskrank. In seinem letzten Lyrikband „Paradiesvogelschiß” hat er davon bewegendes Zeugnis abgelegt.

Zuletzt schrieb er von Angst getrieben, dass er dieses und weitere Werke nicht mehr werde vollenden können. Aus seinem geliebten Hamburg hatte sich der gebürtige Dortmunder bereits ins Lauenburgische Land zurückgezogen – fernab vom Lärm und Streit der Welt, dem der couragierte Mann nie ausgewichen war.

Just gestern hatte ihm die Stadt Kassel noch den „Literaturpreis für grotesken Humor” zugesprochen, der ihm nun posthum verliehen wird. Einer der früheren Preisträger war Robert Gernhardt gewesen, mit dem Rühmkorf eine enge Freundschaft und die unbändige Freude am Spiel mit der Sprache verband.

Entschieden links,
aber nie fanatisch

Rühmkorf war ein eminent politischer Kopf, ein ausge-machter Linker. Als Lektor beim Rowohlt-Verlag (ab 1958) mischte er kräftig im literarischen Betrieb mit. Legendär auch seine frühe Zeit beim einstigen Studentenkurier „Konkret”, wo er es auch mit dem späteren „Spiegel”-Chefredakteur Stefan Aust und der nachmaligen RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zu tun bekam. Gerade selbstherrlich radikale, gewaltsame „Lösungen” waren Peter Rühmkorf jedoch zuwider. Und überhaupt: Die Literatur sollte nach seinem Verständnis nicht von Politik überwuchert werden.

In wenigen funkelnden Zeilen konnte er zuweilen das vermeintlich Niedrigste und das Höchste zusammenbringen – edelsten Wortklang und gewöhnlichsten Alltag. An solchen Bruchlinien bewegte er sich mit scharfer Intelligenz und mit einem ungeheuer differenzierten Wortschatz. Virtuos wie sonst keiner mehr, experimentierte er mit Versmaßen, Rhythmen und Reimformen. Ein ganz und gar staunenswerter Hochseilartist der Sprache.

Intensiv hat sich Rühmkorf mit der literarischen Tradition auseinandergesetzt – beginnend mit den Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen” und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu seinen „Hausgöttern” Heinrich Heine und Gottfried Benn. Fürwahr eine weite Spanne.

Seine Lyrikbände sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören. Die Tagebücher sind eine reiche Quelle deutscher Nachkriegsgeschichte aus linker Nahansicht. Vorwiegend war’s eine schmerzliche Bilanz der Enttäuschungen, die einem dennoch Mut einflößte. Mit seinem bereits 1967 herausgebrachten Band „Über das Volksvermögen” hat Rühmkorf zudem eine breite Schneise für überlieferte Volkspoesie geschlagen. Gar vieles geriet da zu frech-fröhlichen Inspirationsquellen: ordinäre Toilettensprüche, Kinderreime, Abzählverse, Reklameslogans und deren Parodien. Rühmkorf hat gezeigt, welches Widerstands-Potenzial in derlei (vorher übersehenen) Texten schlummert.

In einem Interview mit der „Zeit” hat Rühmkorf im Frühjahr sein Krebs-Martyrium geschildert und gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Absprung in andere Welten.”

In seinem letzten Gedichtband steht freilich dieser ebenso lapidare wie eindringliche Appell „An den Tod”:

„Fort – fort, /
dies kann die Welt noch nicht gewesen /
und bumms zu Ende sein. /
All diese Bücher wolln ja noch gelesen /
und die Hosen aufgetragen sein.”

Peter Rühmkorf wurde am 25. Oktober 1929 in Dortmund geboren, wuchs in Niedersachsen auf und lebte mit seiner Frau Eva (frühere Landesministerin in Schleswig-Holstein) bis vor einiger Zeit in seiner Wahlheimat Hamburg.

Wichtige Buchtitel:

„Irdisches Vergnügen in g” (1959, Gedichte)

„Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich” (1975, Essays/Gedichte)

„Haltbar bis Ende 1999” (1979, Gedichte)

„Bleib erschütterbar und widersteh” (1984, Essays)

„Außer der Liebe nichts” (1986, Gedichte)

„Lass leuchten!” (1993, Erinnerungen/Gedichte)

„Tabu I” (1995, Tagebücher von 1989 bis 1991)

„Wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte” (1999)

„Tabu II” (2004, Tagebücher von 1971 bis 1972)

„Paradiesvogelschiß” (2008, Gedichte)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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Ein Kommentar zu Zum Tod von Peter Rühmkorf: Hochseilartist der Sprache

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