Wenn der Neonazi einen Apfelkuchen backt – „Adams Äpfel“ am Schauspiel Köln

Foto: Tommy Hetzel/Schauspiel Köln

Foto: Tommy Hetzel/Schauspiel Köln

Kann man noch an das Gute im Menschen glauben? Pfarrer Ivan (Jörg Ratjen) tut das: In seiner Kirche nimmt er Straftäter auf, um sie zu resozialisieren. Khalid (Mohamed Achour), den Räuber, Gunnar (Nikolaus Benda), den Alkoholiker und Vergewaltiger und Poul (Horst Sommerfeld), den ehemaligen KZ-Wärter, den die alte Schuld immer noch umtreibt. Bis plötzlich ein neuer Delinquent in Ivans Kirche auftaucht und sein Weltbild ins Wanken bringt: Adam, der Neonazi (Robert Dölle).

Das Schauspiel Köln zeigt mit „Adams Äpfel“ eine abgründige Farce rund um das Theodizee-Problem. Wie kann Gott das Böse in der Welt zulassen? Und wie kann Ivan, der Pfarrer, deswegen nicht an ihm zweifeln? Wie kann er hoffen, all diese „bösen“ Menschen zu „guten“ Bürgern umzuerziehen?

Das Stück des dänischen Drehbuchautors und Regisseurs Anders Thomas Jensen hat den gleichnamigen Film zur Vorlage, Regie führte Therese Willstedt. Es handelt sich aber keineswegs um ein moralisches Thesenstück, sondern hier wird zielsicher mit den Methoden des schwarzen Humors operiert.

Glänzend spielt Jörg Ratjen diesen sendungsbewussten Pfarrer, dessen Nettigkeiten immer auch extrem süßlich wirken. Dazu gehört, dass alle in dieser Kirche in Pantoffeln herumlaufen müssen, langweilige Predigten zur Tagesordnung gehören und die schweren Jungs mitnichten ihre verbrecherischen Machenschaften aufgegeben haben – Khalid überfällt immer noch Tankstellen und Gunnar greift nicht nur Mädchen in die Tasche, sondern organisiert sich auch seinen Schnaps. All das will der Pfarrer nur nicht wahrhaben…obwohl selbst Jesus am Kreuz in der Kirche schon der Arm angebrochen ist.

Als Nazi Adam kommt, wird die scheinheilige Harmonie zunächst gestört. Schonungslos hält er dem Pfarrer seine Lebenslügen vor: Mitnichten hat dieser eine heile Familie. Seine Frau hat sich umgebracht, sein Sohn ist schwerbehindert, er selbst wurde als Kind missbraucht. Doch der Pfarrer will die heile Welt nicht aufgeben und schlägt Adam vor, einen Apfelkuchen zu backen, weil dieser ein Ziel im Leben brauche. Der Neonazi würde am liebsten Amok laufen, doch in den Knast zurück will er auch nicht – also Apfelkuchen.

Die Schauspieler sind gut, der schwarze Humor zündet, oft überschreitet die Inszenierung bewusst die Schmerzgrenze und erzeugt damit einen starken theatralischen Effekt. Indes: Die Auflösung am Schluss überzeugt nicht ganz. Nachdem er den armen Pfarrer fast totgeschlagen hat, wird Adam plötzlich geläutert und überreicht Ivan einen frischgebackenen Apfelkuchen. So schnell ist selten jemand vom Saulus zum Paulus geworden wie an diesem Abend in Köln…

Karten und Termine: www.schauspiel.koeln

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