Ein russischer Alptraum: Vladimir Sorokins Roman “Der Schneesturm”

Landarzt Garin kommt einfach nicht vom Fleck. Seine eigenen Pferde sind total erschöpft und machen schlapp. Und der einfältige Brotkutscher Kosma, dessen Gefährt von unzähligen winzigen Pferchen gezogen wird, scheint weder die Gegend noch die einzuschlagende Richtung wirklich zu kennen. Dabei müsste Garin so dringend nach Dolgoje.

Denn in dem kleinen Dorf, das irgendwo in der weiten Steppe Sibiriens liegt, ist eine seltsame Krankheit ausgebrochen, die die Menschen in fleischfressende Zombies verwandelt. Der Landarzt hat das Serum in der Tasche, das man den Infizierten einimpfen muss, um sie vom Werwolfsyndrom zu heilen. Doch Garin und sein Begleiter stecken immer wieder im Schnee fest. Und wenn sie mal vorankommen, dann verlieren sie im unaufhörlichen Schneegestöber die Orientierung. Manchmal kommt es ihnen vor, als würden sie ständig im Kreis fahren, und die Menschen, die sie in den abgelegenen Dörfern treffen, sind auch keine Hilfe.

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Außerdem sehen einige eher aus wie Zwerge, andere gleichen Riesen. Diese Menschen-Mutanten stopfen sich mit Drogen voll und zerren den verwirrten Landarzt ins Lotterbett. Und was machen eigentlich diese arroganten Chinesen hier in Russlands Kältekammer? Wieso verfügen sie über neueste Apparate und technische Wunderwaffen? Haben die Chinesen vielleicht inzwischen die Macht übernommen, ohne dass irgendjemand im fernen Kreml davon etwas mitbekommen hat?

Es ist eine bizarre und skurrile, manchmal auch märchenhafte und unwirkliche Welt, in die Vladimir Sorokin die Leser seines Romans “Der Schneesturm” entführt. Nicht nur Landarzt Garin, ganz Russland scheint in einer Art Zeitschleife gefangen zu sein. So sehr sich Garin auch bemüht, er erreicht nichts, dreht sich im Kreis, findet einfach nicht den Weg in die Zukunft. Im Gegenteil. Es scheint eher, als führe er rückwärts, immer weiter in eine von Despotismus und Gewalt, von archaischen Riten und absolutistischer Willkür geprägte Vergangenheit.

Sorokin ist ein gewiefter Erzähler und baut ein absurdes Erzähllabyrinth. Stil und Tonfall lassen für Momente vermuten, wir wären im 19. Jahrhundert. Nicht nur der Titel des Romans verweist auf die gleichnamige Novelle von Puschkin, in der ein verzweifelter Bräutigam im Schneesturm die eigene Hochzeit nicht finden kann. Auch die Hauptfigur erinnert stark an jene Landärzte, die Tschechow und Turgenjew beschrieben haben und die für ihren meist aussichtslosen Kampf gegen die Lethargie und Melancholie der Russen berühmt wurden. Für Momente mag man auch glauben, Sorokin, dieser zynische Beobachter und beissende Kritiker der gelenkten russischen Demokratie, die sich immer mehr als Diktatur erweist, sei milde geworden und habe sich in ein vom Schneegestöber bemänteltes Märchenland geflüchtet. Doch weit gefehlt!

Sorokin, der 1955 in Bykowo bei Moskau geborene Autor, der in seiner Heimat angefeindet wird und dessen Bücher von Vladimir Putins Jugendorganisation schon einmal in einem riesigen Klo öffentlich verbrannt wurden, macht da weiter, wo er zuletzt mit “Der Tag des Opritschniks” und “Der Zuckerkreml” aufhörte. Diese Romane spielen in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Russland sich vom Westen abschottet und sich in China mit High-Tech-Produkten versorgt – und sich vielleicht auch schon ganz der chinesischen Übermacht ausgeliefert hat. In einem Russland, in dem Mord und Vergewaltigung, Drogenexzesse und Liquidierung der Opposition an der Tagesordnung sind. Diesmal mag das alles etwas versteckter, dezenter, märchenhafter daher kommen. Doch für den, der die Symbolik und den Schnee beiseite räumt, wird die ätzende Systemkritik Sorokins auch am grotesk-imaginär beschrieben Russland deutlich erkennen.

Erst allmählich merkt man: Landarzt Garin muss wieder die Pferde anspannen, weil die Erdölvorkommen versiegt, Autos und Elektroschlitten unbrauchbar geworden sind. Garin kämpft gegen seltsame Krankheiten, weil die Biotechnologie völlig aus dem Ruder gelaufen ist und zu tödlichen Epidemien führt. Arbeitslosigkeit und Armut haben ganze Landstriche entvölkert. In diesen Todeszonen und aufgegebenen Arealen scheinen sich nur noch Mutanten aufzuhalten oder Chinesen, die mit ihren Riesenschlitten durch den Schnee sausen und ihre eigenen Interessen haben. Garin wird dagegen nichts ausrichten können. Eine wilde Liebesnacht, ein ausgeflippter Drogenrausch, das ist alles, was bei seinem Trip durch den Schnee herauskommt. Ein russischer Don Quixote, der gegen die Windmühlen der russischen Diktatur kämpft und in der tödlichen Kälte auch noch seinen Sancho Pansa verliert.

Vladimir Sorokin: “Der Schneesturm”. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 207 S., 17,99 Euro.

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