Baselitz, Lüpertz, Penck: Wurzeln in der Luft

Baselitz, Lüpertz, Penck – deren Kunstfertigkeiten kennt man doch zur Genüge. Vorgestern war’s ja noch halbwegs interessant. Doch längst sind wir viel, viel weiter fortgeschritten. Wir, die ach so versierten Kunstbetrachter…

Halt! So denken vielleicht oberflächliche Gestalten im Kreiseln und Kriseln des Kulturbetriebs, die stets gelangweilt nach dem Allerneuesten verlangen und sich den Anschein des durch nichts mehr zu verblüffenden Kenners geben. Elendes Ennui-Gehabe!

Oft, ja beinahe immer lohnt ein zweiter, ein anderer Blick aufs Gewesene. Zumal dann, wenn Künstler mit früheren, weniger bekannten Arbeiten aus Phasen präsentiert werden, als ihr Werk noch im Wachsen und Werden war. Und manchmal erst recht, wenn es sich nicht um auftrumpfende Hauptwerke, sondern um eher intime Zeichnungen handelt. Hier also sind tastende Versuche und Skizzen zu finden, die sich noch näher an den Ursprüngen der Ideen bewegen als die später breit und vielleicht schon allzu selbstgewiss ausgeführten Bilder.

Der Sammler Peter Ludwig hatte bekanntlich gutes Gespür für vielversprechende Ansätze, die eben erst keimten. Er erkannte – auch mit marktgeschultem Blick – manche große Begabung frühzeitig und kaufte bereits, bevor es die anderen taten. Daher kommt es, dass die diversen Ludwig-Museen (etwa in Köln, Aachen und Oberhausen) über große Konvolute von Zeichnungen verfügen.

Jetzt zeigt Oberhausen gezeichnete Bilder aus den 60er und 70er Jahren. Damals waren die besagten Baselitz, Lüpertz und Penck noch nicht allseits bekannt. Sie standen noch allesamt quer zum eher links gewendeten Zeitgeist. Rund 150 Exponate kann Oberhausen vorweisen. Anschauungsmaterial genug, um die frühen Wege der drei Künstler plausibel zu machen.

Georg Baselitz

Spätestens um 1965 treten in seinen Bildern mit Macht hervor: das Verletzte, das Hässliche und hie und da das gellend Obszöne, seinerzeit noch schreiend Skandalöse. Man sieht geradezu das Kreißen, man sieht biomorphe (also pflanzlich wirkende) Ausgeburten, ungeschlacht und noch nahezu gestaltlos. Der hier angerichtete Weltwirbel scheint bis in Zellkerne zu reichen und irgendwann ein großes Neues hervorzubringen.

Nachwirkende, nicht ruhig zu stellende Kriegstraumata brechen sich in anderen Bildern Bahn, und zwar reihenweise: „Helden“, „Partisanen“ und „Neue Typen“ irritieren durch ungebrochene, rohe Gewaltsamkeit. Ist es noch die Nachhut der letzten Katastrophe – oder sind es bereits schlimme Vorboten des womöglich Kommenden? Man muss solche Bilder nicht mögen, aber man sollte sie nicht meiden, denn sie rufen vernehmlich nach Auseinandersetzung.

Etwa 1969 vollzieht Baselitz die Kehrtwende, die nachmals zu seinem Markenzeichen wurde. Zunächst dreht er Bildmotive wie den „Waldarbeiter“ um 90 Grad seitwärts, später stehen sie vollends auf dem Kopf. Baselitz wollte sich einerseits nicht von Figur und Gegenstand verabschieden, andererseits aber den Blick weg vom Inhalt und hin zur Bildstruktur lenken. Nun wurzeln die Figuren sozusagen in den Lüften.

Was anfangs eine Befreiung oder für Baselitz gar eine Quadratur des Kreises gewesen sein mag, wirkt in der über Jahrzehnte angewachsenen Menge wie eine bissig beibehaltene Marotte unter dem Zwang, sich von der künstlerischen Konkurrenz abzuheben. Bis heute glaubt man Baselitz daran zu erkennen: „Ist das nicht der, der seine Bilder kopfüber dreht?“ Und seither verdrehen Betrachter vor seinen Bildern ihre Köpfe, um doch etwas mehr Inhalt zu erhaschen.

Markus Lüpertz

Der Mann, der sich geradezu enervierend als Nachfahre von „Malerfürsten“ des 19. Jahrhunderts geriert, etikettierte einen seiner zeitigen Leiteinfälle als „dithyrambisch“ – eine Reminiszenz an Kultlieder auf den altgriechischen Gott Dionysos. Diese räumlich gestaffelten Schraffuren erinnern formal an Gegenstände, sind aber nicht als solche zuzuordnen. Auch hier stellt sich also das Problem, gerade noch beim Gegenstand zu bleiben und doch von ihm gehörige Distanz zu wahren. In den Jahren ab 1964 erwachsen und wuchern Lüpertz’ Bild-Architekturen aus solchen rudimentären Elementen. Auch seine Kunst hat etwas Unbehauenes. Das Filigrane wird man bei ihm schwerlich finden.

Kennzeichen und Triebkraft späterer Bilderserien – mit den Hauptmotiven Schnecke, Stahlhelm und Amboss – ist die ständige Metamorphose dieser Dinge, die mitunter bedrohlich gestapelt werden, als sollten sie sich zur Apokalypse auftürmen. Nichts bleibt, wie es anfangs gewesen ist. Hochhaus wird Menschenleib, sodann wird Mensch zum Kleidungsstück. Ein unaufhörliches Umschichten der Formen.

Ähre und Stahlhelm ragen als vielfältig variierte Signale aus faschistischer Zeit in diese wandelbare Bildwelt hinein. Sind es bloße Relikte? Ist es gar ein verantwortungsloses Spiel mit vorbelasteten Zeichen? Oder ist alles ganz zweckfreie Formfindung, und Lüpertz wäre immer nur unermüdlich unterwegs gewesen auf seiner fortwährenden Suche nach expressiver Kälte?

A. R. Penck

Dieser ungemein eigenständige, ja zunächst randständige Künstler benannte sich nach einem Eiszeitforscher. Mit seinem leidenschaftlich verfolgten Projekt einer universell verständlichen Bildsignal-Sprache war er in der einstigen DDR isoliert und wurde im Namen der offiziellen, sozialistisch-realistischen Kunst-Doktrin geächtet (erst 1980 siedelte er in den Westen über).

Alles bloß Anekdotische wollte er aus seinem Bildvokabular verbannen. Er verfiel auf archetypische Zeichen wie aus vorzeitlicher Höhlenmalerei. Ganz und gar unverbraucht, taufrisch geschöpft wirkt das in den besten Momenten – und gleichzeitig in eine ferne, vielleicht utopische Zukunft gerichtet. Eine Werkstatt für Mythen kommender Zeiten.

Man kann in Oberhausen die Genese recht gut nachverfolgen: Die Skala reicht von urtümlichen Strichmännchen bis hin zu komplex vielgliedrigen und denn doch wortreich erläuterten „Problemraum“-Skizzen, die von fern her an lehrhafte Tafeln von Joseph Beuys erinnern. Weitaus feinnerviger als bei den beiden anderen Künstlern geht es in Pencks experimentellem Formenlabor zu. Der Grat zwischen „unverbraucht“ und „unbedarft“ scheint hier allerdings mitunter schmal. Und die innig erstrebte allgemeine „Lesbarkeit“ der Bilder mag sich auf Dauer nur stellenweise einstellen. Vieles bleibt wolkig und vage. Esoterische Wirrnis könnte als Gefahr lauern. Doch Pencks Expeditionen führen eben durch ungeahnt abenteuerliches Gelände und Gestrüpp. Leise erkundend, niemals dröhnend oder polternd. Spannend bis jetzt – und wohl auch künftig.

Baselitz, Lüpertz, Penck – Zeichnerische Positionen aus der Sammlung Ludwig. Ludwig Galerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46 (nähe Gasometer und Arena). Bis 6. September. Geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Kein Katalog. Eintritt 6,50 €, ermäßigt 3,50 €, Familie 10,50 €, Kombiticket mit Gasometer OB (derzeit Weltraum-Ausstellung) 8,50 €. Tel. 0208/412 49 28. Internet www.ludwiggalerie.de

Parallel dazu werden im Nebengebäude des Schlosses Beispiele aus internationalen Grafik-Beständen der Sammlung Ludwig gezeigt – von Künstler u. a. aus Russland, Bulgarien, Ex-BRD und DDR (Kippenberger, Heisig, Sitte, Mattheuer), China und Kuba.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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