Dicht vor dem Sprung

Hat jemand schon einmal den Namen Hans Kohlschein gehört? Nein? Solche Unkenntnis wäre nicht verwunderlich. Der Mann, von dem jetzt rund 160 Arbeiten im Schloss Cappenberg zu sehen sind, gehört zu den zahlreichen Künstlern, die bestenfalls am Rande wahrgenommen worden sind. Von dieser Art muss es zwangsläufig sehr, sehr viele geben, sonst könnten sich die wirklichen Größen der Kunstgeschichte ja von niemandem abheben. Banale Erkenntnis: Nicht alle können gleichermaßen ruhmreich sein.

Man müsste allerdings fragen: Ist dem gebürtigen Düsseldorfer Kohlschein (1879-1948) eventuell Unrecht geschehen? Hätte er mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen müssen? Haben Kritiker und sonstige Fachwelt einen spätimpressionistisch beeinflussten Genius schmählich übersehen? Ist er etwa (posthum) dafür bestraft worden, dass er sich nie vom Gegenständlichen abgekehrt hat? Und schließlich: Soll man ihn heute ausstellen, vielleicht gar, um ihn zu rehabilitieren?

Die Cappenberger Schau kam zustande, nachdem Brigitta Landsberg, eine in Dortmund lebende Enkelin von Hans Kohlschein, die Initiative ergriffen hatte und an den Ausstellungskurator Thomas Hengstenberg (Kreis Unna) herangetreten war. Frau Landsberg dürfte ein reges Interesse an einer musealen Aufwertung des Werkes haben. In der Fülle des Gesamwerks fanden Hengstenberg und seine Mitkuratorin Sigrid Zielke manches ausstellenswerte Stück. Und beim Kreis Unna muss man ja auch mit spitzen Stiften rechnen, zumal der Eintritt in Cappenberg frei ist. Also gut, schauen wir mal.

Schon mit 13 Jahren wurde Hans Kohlschein an der damaligen Kunstakademie Düsseldorf aufgenommen, wo auch sein Vater Josef Kohlschein lehrte. Sein tatsächliche frappierendes, früh sich entfaltendes Talent dokumentiert eine Zeichnung, die just der 13-Jährige von seinem Großvater angefertigt hat. Der Junge ließ einiges erwarten.

In Cappenberg sind nun Bilder aus allen Schaffensphasen zu sehen. Nach dem Rundgang kann man insgesamt raffend feststellen: Kohlschein war alles andere als ein Neuerer, und er ist leider nur selten wesentlich über „das Akademische“ hinaus gelangt. Hat er seine Gaben verschleudert?

Man sieht jedenfalls die Resultate fleißiger künstlerischer Pflichterfüllung, redliches handwerkliches, beharrlich umgesetztes Können, immer wieder hoffnungsvolle Ansätze – aber kaum Höhenflüge oder zutiefst Ergreifendes. Häufig bleiben die Anstrengungen im Konventionellen, im Anekdotischen und Genrehaften stecken. Das ist alles in allem betrüblich, denn man hat zuweilen (nicht zuletzt bei einigen Frauenporträts) den Eindruck, es hätte nur noch eines letzten Impulses bedurft, um in andere Dimensionen vorzudringen. Da stand einer ziemlich dicht vor dem Sprung…

Kohlschein hatte offenkundig besondere Schaffensfreude an ausgewählten Motiven von teilweise sehr speziellem Zuschnitt. Immer wieder malte er beispielsweise Männer in wallenden Mönchsgewändern, durch welche Windstöße der Bewegung zu gehen scheinen. Die Anmutung solcher Bilder ist nahezu filmisch, man rechnet unwillkürlich mit einer Fortsetzung der „Sequenz“.

Noch öfter wandte sich Kohlschein Pferde-Motiven zu, es war sein mit Leidenschaft verfolgtes „Spezialgebiet“. Hier herrschen meist stürmende, vorpreschende Vitalität und Dynamik (einmal schickt er die Pferde sogar ins Wettrennen mit einer Dampflok), allerdings sieht man auch schon mal traurige, ausgelaugte Tiere wie jenen alten Schimmel von 1920. Stabeil schien der Rahmen: Ländlich-sittliches, von Frömmigkeit geprägtes Leben prägte den ausgezirkelten Themenkreis, aus dem sich Kohlschein höchstens zaghaft heraus bewegte. Er war wohl einer, der niemals und unter keinen Umständen „zersetzend“ gewirkt hätte, einer, der alle Brüche scheute.

Im Ersten Weltkrieg wurde Kohlschein offiziell zum „Maldienst“ hinter den Frontlinien in Polen und dann in Frankreich eingezogen. Einige zuvor entstandene monumentale Historienschinken schienen ihn für diese staatstragende Aufgabe zu prädestinieren. Seine Bilder gerieten indes jetzt nicht ganz so heroisch wie erwünscht, für den ganz großen Gestus etwaiger Triumphe hatte Kohlschein keinen rechten Sinn. Doch durfte er sich natürlich auch keine bildnerische Kritik erlauben. Ein zwielichtiges, nicht gerade günstiges Klima für die Künste.

Immerhin entstanden in Polen vor allem Szenen des materiell ausgesprochen dürftigen Alltags. Solche Bilder künden von ungeahnter Not und Armut, sie lassen – aller formalen Konvention zum Trotz – ein gewisses mitleidendes Erschrecken über die misslichen Verhältnisse ahnen. Schwankende Gestaltungs-Intensität, wankende Geschmackssicherheit: Das „Flüchtlingslager in Modin“ (um 1917) wirkt noch einigermaßen pittoresk, „Kranke Gefangene“ (ebenfalls 1917) zeugen hingegen deutlicher von kreatürlichem Leiden. Erdige, rasch aufgetragene Temperafarben halten die Szenerie nah am ersten Eindruck fest. Aus heutiger Sicht geradezu unerträglich ist hingegen ein Blatt wie „Windböe im Getto“, wo es einen roten Frauenrock neckisch in die Höhe pustet, als sei’s eine Vorbotin der Monroe.

Auch fürs skizzenhaft Spontane hatte Kohlschein eine spürbare Begabung. Das belegen etwa auch karikierende Blätter über Karnevalsfeiern mit Freunden vom legendären Düsseldorfer Künstlerverein „Malkasten“. Im scharfen Kontrast zu solchen Humoresken steht das dunkelste Kapitel: Zwar hat Kolhschein 1935 auch eine ziemlich riskante Karikatur des brüllenden Adolf Hitler gezeichnet, doch hat er sich (wohl vor allem aus pragmatischen Erwägungen) mit dem NS-Regime recht umstandslos arrangiert. Als der linksgerichtete Düsseldorfer Akademierektor Kaesbach entlassen wurde, fand dies Kohlscheins ausdrücklichen Beifall – und er intrigierte gleich auch noch gegen den ihm verhassten Akademielehrer Paul Klee (nachzulesen im Ausstellungskatalog).

Weiterer Sündenfall: 1939/40 übernahm Kohlschein den Auftrag zu einer monumentalen Ausmalung des Wuppertaler Polizeipräsidiums (auch Gestapo-Gefängnis) im Sinne der NS-Kunstauffassung. 1999 wurden diese gravitätischen Wandmalereien wiederentdeckt und – mit historisch einordnenden Kommentaren versehen – restauriert.

Wahrlich kein leichtes und glattes Gelände, auf dem sich diese Ausstellung bewegt.

Hans Kohlschein. Schloss Cappenberg (in 59379 Cappenberg bei Lünen/Selm). Bis 25. Oktober 2009. Di-So 10-17 Uhr, Eintritt frei. Katalog 22 Euro. Internet: http://www.kreis-unna.de

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