Ins Getriebe der Wirtschaft blicken

Rot – Gelb – Blau. Rot – Gelb – Blau.

Der Künstler Andreas Siekmann hat immer und immer wieder dieselben Farben genommen. Auf jedem Blatt. Seine Bilder bringen wirtschaftliches Geschehen auf den Punkt. Vorsichtiger gesagt: Sie stellen in immer neuen Versuchsanordnungen die Frage, wie man dies sinnvoll bewerkstelligen kann. Sie ranken sich um ein Zeichensystem der Piktogramme und reihen sich wie Argumentations-Ketten, oft mit frappierender Folgerichtigkeit, zuweilen mit spielerischen Ausläufern. 223 Blätter sind auf exakt vermessenen und installierten Tischen zu sehen. Hie und da kreuzen sich ihre Fluchtlinien, als wären es die Gelenkstellen der gesellschaftlichen Debatte.

Siekmann zeigt seinen zeichnerischen Zyklus „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ (1996-1999), der in anderer Form bereits auf der documenta (2002) präsentiert wurde. Jetzt ist das prinzipiell endlos erweiterbare Konvolut als Leihgabe aus dem Museu d’Art Contemporani (Barcelona) ins Hammer Gustav-Lübcke-Museum gekommen.

Der 1961 in Hamm geborene Künstler lebt heute in Berlin. Er ist besonders auf der lateinamerikanischen und indischen Szene präsent, wo politische reflektierende und unterweisende Kunst noch keinen so schlechten Ruf hat wie hierzulande, wo man vor jedem Anflug von Pädagogik zurückschreckt. Doch Siekmanns Kunst bevormundet nicht. Er recherchiert und zeigt Resultate vor. Nur eben nicht in textlicher oder tabellarischer Form, sondern bildnerisch.

Sein zentrales, beängstigend zeitgemäßes Thema ist die Zurichtung des öffentlichen Raumes im Dienst der neoliberalen Ideologie. Sehr schlüssig und sinnlich nachvollziehbar führt er vor, wie die Städte zusehends privatisiert und kommerziell beherrscht werden. So ist etwa Frankfurt zum schnieken „Wohnzimmer“ im Schatten der allmächtigen Banken geworden. „Verdächtige“ Gestalten, die nicht in diese gründlich durchökonomisierte schöne neue Welt passen, werden per Überwachungs-Kamera als Bedrohung wahrgenommen und notfalls ferngehalten. Dafür stehen Fachkräfte bereit. Latente Gewaltsamkeit schwebt über den Szenerien, die nur beim allerersten Hinschauen harmlos wirken.

Produktionsschlachten, Arbeitskämpfe, Konzernfusionen und etliche weitere ökonomische Prozesse entfalten und verästeln sich auf den Blättern. Die eindringliche Sequenz namens „Ex und Hopp“ erläutert die allfällige Wert(e)vernichtung im laufenden kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb.

Gelegentlich wird das gnadenlose Getriebe angehalten, und es kommen alternative Handlungsweisen in den Blick, auf dass das Ganze nicht fatalistisch erstarre, sondern Hoffnung übrig bleibe.

Man kann umhergehen, stehen bleiben und sich über die Tische beugen. Man kann sich aber auch auf Bürostühle setzen, damit geschäftig, seh- und wissbegierig zwischen den Bildern hin- und herrollen, was eventuell für komische Anblicke beim Ausstellungsbesuch sorgen könnte. Das ganze Arrangement hat etwas Lehrhaftes, erinnert (obwohl auf Tischen drapiert) an Wandzeitungen, Flugblätter oder Plakate – und ein wenig wohl auch an die Tafeln des Joseph Beuys. Kunst, über die öffentlich zu reden ist.

Ästhetisch greifen die Blätterreihen weit über Piktogramme oder Comic-Elemente hinaus – bis hin zur Abstraktion im Stile eines Mondrian oder Paul Klee. Man wird hier nicht mit simplen Schemata abgespeist.

Eine Spezialität für sich ist das verwaschene Blau in den Bildern. Es handelt sich stets um Blue Jeans, die sich als vielfältig besetztes Zeichen geradezu surreal selbstständig machen. Man glaubt ja nicht, was sich mit diesen Hosen alles illustrieren lässt! Siekmanns Phantasie ist dabei schier unerschöpflich.

Ganz bewusst bezieht sich Siekmann auf die Tradition der „Kölner Progressiven“ aus den 1920er Jahren. Bei Beuys hat er studieren wollen, doch dann ist er in die Klasse Ulrich Rückriems an der Düsseldorfer Akademie gekommen. Dessen eher minimalistische Skulpturenblöcke scheinen allerdings keinen Einfluss auf Siekmann gehabt zu haben, jedenfalls nicht an der sichtbaren Oberfläche. Vielleicht hat Rückriem einfach vorgelebt, wie man auf künstlerischen Wegen unbeirrbar bleibt.

Andreas Siekmann: „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße 9. Bis 8. August, Di-Sa 10-17, So 10-18 Uhr. Die Ausstellung ist Teil des Ruhr2010-Projektes “Mapping the Region“.

Bild: Konsumüberwachung (Bild: Andreas Siekmann/Lübcke-Museum)

teilen, mailen, druckenShare on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterPin on PinterestShare on LinkedInShare on TumblrShare on StumbleUponEmail this to someonePrint this page

Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Politik und so abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.