Was wird aus den Kirchenbauten?

Im Behördendeutsch spricht man staubtrocken von „Umnutzung“, doch die Sache lässt einen womöglich nicht kalt. Denkmalschützern ist das Phänomen schon länger vertraut. Jetzt interessieren sich auch Volkskundler dafür. Wir reden von Kirchenbauten, die eines Tages (zwangsläufig) anderen Zwecken dienen. Hauptgrund sind Finanzprobleme der christlichen Kirchen, die bekanntlich immer weniger Steuern einnehmen.

Selbst aufgegebene, leer stehende Kirchengebäude müssen weiter kostspielig beheizt werden, sonst würden sie rasch verfallen. Also verpachtet oder verkauft man sie. Am liebsten für karitative oder kulturelle Zwecke, doch das gelingt nicht immer lupenrein. Allerdings sind Umwandlungen zu Supermärkten (wie in Holland vielfach geschehen) bei uns bislang nicht vorgekommen. Bemerkenswert: Man redet nicht laut darüber, doch auch Umwidmungen zu Moscheen werden von Seiten der christlichen Kirchen kategorisch abgelehnt.

Einige Beispiele für Umwandlungen in Nordrhein-Westfalen:

– In Soest wurde eine ehemalige Kirche zum Maleratelier.

– In Borken (Münsterland) zog eine Kunstgalerie in die einstigen Sakralräume.

– In Münster nutzt ein Verlag die Bonifatiuskirche.

– In Bielefeld wurde die Paul-Gerhardt-Kirche in eine Synagoge umgewandelt.

– Ebenfalls in Bielefeld ist aus der früheren Martini-Kirche Ende 2005 das Restaurant namens „Glück und Seligkeit“ hervorgegangen. Hier gab’s auch schon mal Party mit Go-Go-Girls.

– In Marl wird eine Kirche nun als Urnen-Begräbnisstätte verwendet.

– In Langenberg bezieht bald eine Familie eine umgebaute Kirche als 220 Quadratmeter große Privatwohnung. Ein Zaun markiert die neuen Besitzverhältnisse. Das Gotteshaus wurde 1968 im nüchternen Betonstil mit frei stehendem Turm errichtet. Bald wird ein Bett dort stehen, wo sich früher der Altar erhob. Eine Vorstellung, an die man sich erst gewöhnen muss.

– In Gladbeck hielt ein Elektrogeschäft in St. Pius Einzug, heute dient das Gebäude vorwiegend als Lager der Firma. Klingt sehr profan. Die Alternative wäre freilich ein Totalabriss gewesen.

Es ließen sich dutzendfach weitere Beispiele anführen. Vor allem ältere Menschen vermissen bisherige Begegnungsstätten. Ja, selbst Nicht(mehr)gläubigen fehlt vielleicht auf einmal der vertraute Mittelpunkt des Orts(teils) in seiner bisherigen Funktion. Nur Nostalgie oder eine tiefere Sehnsucht nach Zusammenhalt?

Aber es gibt auch Leute, die heilfroh sind, wenn sonntags die Glocken nicht mehr läuten. Wieder anderen ist die Sache komplett egal. Und da sind jene, die sich mit der neuen Sachlage anfreunden oder zumindest abfinden wollen. So meinte ein praktizierender Christ bei der besagten Bielefelder Party, auch hier werde eben Gemeinschaft gelebt – fast wie einst in der Kirche. Fast.

Eine Umwandlung ruft vor allem in der jeweiligen Anfangsphase Emotionen hervor, wenn Einzelheiten noch unklar sind. Genau hier setzt das Forschungsprojekt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) an. Die Volkskundliche Kommission für Westfalen (so etwas gibt’s) möchte beispielhaft einige akute Umwandlungs-Prozesse begleiten – mit ausgiebigen Interviews, Fragebögen, Fotos und Filmaufnahmen. Auf der Internetseite

http://www.volkskunde-westfalen.de

befindet sich außerdem ein Gästebuch für Anregungen und Kritik.

In rund zwei Jahren sollen aus all dem ein gedrucktes Buch, ein Film und ein Internet-Auftritt hervorgehen, die vielleicht nicht nur Verluste dokumentieren, sondern auch Neuaufbrüche. Eine solche Untersuchung ist bislang bundesweit einzigartig.

Projektleiterin Katrin Bauer trifft seit kurzem die Vorbereitungen. Auf ihrer Liste stehen bereits die katholische Kirche St. Michael in Gelsenkirchen-Hassel und die evangelische Friedenskirche in Altena, die künftig zu einem Kongresszentrum gehören soll. Zwei weitere, kurz vor der Umwandlung stehende Kirchen sollen noch in die Studie einbezogen werden. “Sachdienliche Hinweise” sind den Volkskundlern allemal willkommen.

 

Foto (Bernd Berke): Blick ins Bielefelder Restaurant “Glück und Seligkeit”, das bis 2005 eine Kirche gewesen ist.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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