Denis de Rougemont: Ein Buch für Krisenzeiten

So kann’s einem manchmal mit Büchern ergehen: Da wurde vor Jahr und Tag (über 15 Jahre her?) im Radio eine literarische Lesung gesendet. Man ist buchstäblich hellhörig geworden. Dieser Tonfall, diese elegante Gedanken-Bewegung! Diese wunderbare Mischung aus Ernst und Leichtigkeit. Man hat sich eine Notiz gemacht: Das solltest du bald mal lesen. Aus bald wurde in diesem Falle “irgendwann” und dann nahezu nie. Für lange Zeit. Man hat die Anregung schmählich vergessen, die Notiz irgendwo vergraben. Anderes hat sich vor- und aufgedrängt. Punktum.

Aber es soll wohl so sein, dass man das Buch doch noch – zum zweiten Male – „entdeckt“. Eines rechtzeitigen Tages taucht der Zettel aus chaotischen Untiefen wieder auf. War es ein Erinnerungsblitz? Egal. Man nimmt es als Wink der Vorsehung. Wofür? Auch das wird sich finden.

„Natürlich“ war besagtes Buch inzwischen längst vergriffen. Sehr betrüblich. Hätte man einen Verlag, so würde man es liebend gern neu herausbringen. Wer macht’s? Zum Glück gibt es immerhin Antiquariate und deren hilfreichen Online-Verbund unter http://www.zvab.de

Auf diesem Wege ist auch dieser schmale Band (208 Seiten) hin und wieder noch erhältlich: Denis de Rougemonts „Tagebuch eines arbeitslosen Intellektuellen“, 1937 auf Französisch herausgebracht (Originaltitel „Journal d’un intellectuel au chômage“ – französische Sprachfeinheit: Manchmal heißt es auch „en chômage“) und zuletzt 1991 auf Deutsch im Kleinverlag Anton Hain (Meisenheim/Frankfurt) erschienen.

Es ist ein eigenwilliges, selbstdenkerisches, klarsichtiges und trotz allem sanftmütiges Buch, mit kaum verwechselbarer geistig-seelischer Tönung. Der gebürtige Schweizer Denis de Rougemont (1906-1985) entfernte sich damals notgedrungen von der aufgeregten und sündhaft teuren Metropole Paris, lebte mit seiner Gefährtin höchst bescheiden auf einer entlegenen Insel (Île de Ré) und sodann in ländlicher Festlandsprovinz (Cevennen-Dorf). Dieser fast schon klösterliche Rückzug geht einher mit einer inneren Distanz zum zentralistisch organisierten Literaturbetrieb – und mit einer persönlichen Neubesinnung.

Die meist dürftige Auftragslage des Schreibenden (genauer: Schreiben-Müssenden) erweist sich als harte Schule: Der Zwang, mit dem Nötigsten auszukommen, bringt hier jedoch keine Verwahrlosung mit sich, sondern riecht verdammt nach Glück. Kaum zu glauben und doch glaubhaft. Ganz ohne jeden Zynismus. Und ohne naive Schwärmerei vom einfachen Leben. Schon das macht dieses Buch zum stillen Ereignis, zu einem Vademecum gerade auch für Krisenzeiten. Zitat: „Vielleicht ist das die Ursache des Glücks in unserem Leben: Seinen natürlichen Rhythmus finden, und die Mittel daraufhin einschränken.“

Denis de Rougemont will nicht etwa, dass man schicksalsergeben ärmlich vegetiert, sondern plädiert dafür, „jedem Menschen, wer er auch sei, das ,Existenzminimum’ zu sichern, das ihm erlaubt, seinen Fähigkeiten zu folgen.“ Plausibel klingt bei ihm auch der Gedanke, dass (Zitat) „man mit sehr wenig auskommen kann, ohne aufzuhören, aus dem vollen zu leben.“ Die eigentliche Misere liegt nach seiner Auffassung hierin: „Wenn alle Geheimnisse verraten, geleugnet, verhöhnt sind, bleiben nur noch die Routine und die Streitereien ums Geld.“

Ungemein spannend zu lesen ist zudem die kritische Selbstbefragung des Autors in seinem Verhältnis zum „einfachen Volk“. Er hielt sich seinerzeit auch mit abendlichen Vorträgen zu Politik und Gesellschaft über Wasser und fürchtete, als Intellektueller mit seinen Begriffen und seiner ganzen Denkweise nicht verstanden zu werden. Er begibt sich auf die Suche nach einer unabweisbaren Nützlichkeit der Schrift und nach neuen Formen der Brüderlichkeit, die möglichst auch Klassenschranken überwinden sollen. Eine humane Grundannahme: Die Wahrheit ist konkret und verwirklicht sich stets in der Begegnung zwischen bestimmten Menschen.

Daraus ergeben sich dringliche Fragestellungen, über die man (so lässt der Autor durchblicken) im auf Neuheiten töricht versessenen Paris nonchalant oder auch aufgekratzt hinweggehe. Das marxistische Vokabular jedenfalls, findet Denis de Rougemont, sei als Instrumentarium nur sehr bedingt tauglich, es dringe überhaupt nicht „nach unten“ durch und verzerre die wahren Verhältnisse. Wie gesagt: Wir befinden uns in den 30er Jahren. Was man schon damals hat wissen können, wenn man hat wissen wollen…

Kein geringes Problembündel fürwahr, denn welchen Sinn und Zweck hat der ganze schöne Intellekt, wenn er sich nicht in der Breite auswirken kann? Wenn seine Resultate überwiegend auf Gleichgültigkeit treffen? Gewiss kein Zufall, dass das Buch ausgerechnet 1968 bei Gallimard in Paris erneut herausgegeben wurde. Und heute? Solche Fragen schlummern – unter veränderten Vorzeichen – immer noch, auch wenn sie nicht täglich zu Markte getragen werden.

Hier noch drei prägnante Zitatstellen, verbunden mit einer nachdrücklichen Empfehlung:

„Denn es ist auch ein Trost, sich vor einen inneren Zusammenbruch gestellt zu sehen und ihn überwinden zu müssen. Es gibt Tage, wo man viel darum gäbe, wenn man einen guten Grund zum Verzweifeln hätte, einen tauglichen, gebieterischen Grund…Vor dieser Versuchung, zu verzweifeln, könnte uns dann eine einzige Tugend retten, die Demut. Bin ich nicht wichtig, so wird die Welt größer.“

„Ich bin überzeugt, dass die wahre Lösung, die praktische Lösung der Krisenpsychose, die den Nerven des Bürgertums so schwer zusetzt, nirgends anders zu finden ist als im ‚Geist der Armut’… Der Geist der Armut ist ohne Zweifel nur jenen gegeben, die an etwas anderes glauben als ausschließlich an ihr Leben, ihren Erfolg, ihre Bequemlichkeit, ihren Rang usw., oder selbst an ihren geistigen Wert.“

„Dies ist vielleicht die große Veränderung, die die Schwelle zur Reife kennzeichnet: der Moment, da man entdeckt, dass die Welt keine andere Antwort bereithält als die, die man den Mut hat ihr zu geben.“

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INFO:

Der in Couvet bei Neuchâtel geborene schweizerische Pastorensohn Denis de Rougemont stellte sich in die geistesgeschichtliche Tradition von Sören Kierkegaard und Karl Barth. Er kann – grob gesagt – als eher konservativer Antifaschist (aus christlicher Haltung heraus) sowie als früher, entschiedener Verfechter des europäischen Gedankens bezeichnet werden. Überdies gilt er als Vordenker ökologischer Bewegungen. Bürgerbeteiligung und Selbstverwaltung sollten nach seinem Dafürhalten die Machtkonzentration in Politik und Wirtschaft einschränken.

Weitere Schriften (Auswahl):

„Penser avec les mains“ (Mit den Händen denken)
„Der Anteil des Teufels“ (Orig. „La part du diable“, dt. bei Matthes & Seitz, Berlin, 1999)
„Die Liebe und das Abendland“ (Orig. „L’amour et l’Occident“ / noch greifbar)

„Die Zukunft ist unsere Sache“ (dt. bei Klett-Cotta, 1980)

Übrigens: Sein allererster Artikel von 1923 handelte vom Schriftsteller Henry de Montherlant und der „Moral des Fußballs“. Wahrhaftig ein vielseitiger Denker.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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