„Extraschicht“ goes anywhere

Es ist wirklich ein ureigenes Ruhrgebietsereignis, was weltweit bekannt sein könnte, ein Magnet für Wochenend-Tourismus und Städtereisende. Es ist eine einmalige Landschaft, die man – ausgerüstet mit Rucksack und Imbiss – erforschen kann, wenn man sie denn nicht schon kennt. Der Auswärtige staunt über die vielen „Spielorte“, die post-industriellen Nutzungen ehemaliger Klischeeträger, Zechen, Stahlwerke, Rost. Man fährt kostenlos durch die Gegend in Extra-Extraschicht-Bussen und merkt nicht, wie unsagbar schlecht der Öffentliche Nahverkehr in dieser Region unumkehrbar festgeschrieben ist. Plan in der einen, Mann, Frau oder Kind an der anderen Hand geht man auf Erkundungsreise. Und dann noch bei gutem Wetter! „Unvergesslich“, sagt die Frau aus Koblenz. „Ich kann bei meiner Cousine in Essen übernachten.“

Fragen Sie fern der Heimat mal in einem Reisebüro nach einem Extraschicht-Paket. Sie werden enttäuscht sein. Im Internet finden sie sowas bei „Tour de Ruhr“ und anderen Plattformen. Laut Ruhr Tourismus sind Angebote seit 2010 in allen TUI-Büros buchbar. Wirklich? Wie dem auch sei, es ist ein Highlight des Jahres, das im Jahr der Kulturhauptstadt nochmal ausgeweitet wurde, zum Beispiel durch Hinzunahme des Signal-Iduna-Parks. Ob das sein muss und in die Reihe passt, sei dahingestellt. Es war brechend voll. Vor allem Nichtfußballfans waren neugierig.

Aber – wie das so ist mit erfolgreichen Veranstaltungen – sie leiern irgendwann aus. Es läuft ja, warum sollte man was ändern? Never change the winning team! Die Orte machen ihr Programm – von irischen Balladen über Flamenco bis hin zu den inzwischen unvermeidlichen Beleuchtungen der alten Gemäuer in rot, blau und grün – sieht immer gut aus. Hat die Kommune Geld dafür im Säckel, gibt’s am Ende noch ein Feuerwerk. Ein paar Hauptorte, früher „Drehscheiben“ genannt, werden speziell mit Künstlern und Aktionen bestückt. Dazu gehören in der Regel große Open-Air Spektakel, importiert aus Frankreich oder Spanien. Überall ist was los – bis in den früher Morgen.

Cello im Stadiongefängnis (Anna Reitmeier) Extraschicht 2010

Bis 2010 hat lange Jahre das Büro Erich Auch die speziellen Orte mit künstlerischen Darbietungen bestückt. Da gab es teilweise wunderbare Ideen und Abenteuer, vor allem waren es hin und wieder Vorstellungen und Aktionen, die nur für diesen Ort, nur für diese Nacht konzipiert und umgesetzt wurden. Der Ort wurde nicht als pure Kulisse genutzt, sondern war Ausgangspunkt für eine künstlerische Idee, naturgemäß auf großes Publikum ausgerichtet. Da hat die Tanz- und Akrobatengruppe um Gabi Koch in Hattingen die Heinrichshütte in einem anderen Licht erscheinen lassen, als Zirkusarena und Ort der Illusion. Da hat artscenico in Dortmund auf Phoenix-West die sinnbildliche Unschuld von Bräuten in Weiß, Tänzerinnen und Tänzer, dem ehemaligen Stahlwerk entgegengesetzt. Das sind nur Beispiele, aber diese zeigten, was selbst aus der Region geschaffen werden kann – ortsspezifische Spezialitäten zur Extraschicht. Davon gab es zu wenige.

Jetzt, scheint es, sind sie fast gänzlich verschwunden. Zudem sind die Programmvielfalt und die Anzahl der Veranstaltungen derart hoch, dass man sie in einem Programmheft nicht mehr darstellen kann. Das Büro Auch gibt es nicht mehr. Wer hat die Extraschicht in diesem Jahr künstlerisch bestückt? Öffentlich ist dies nicht. Oder wurde alles vom Tourismusbüro organsiert? Das würde einiges erklären. Kaum was Neues, verwirrende Angaben, Künstler, die man nicht findet.

Tanz im Erzbunker Gelsenkirchen (Emily Welther) Extraschicht 2010

Die Extraschicht braucht einen neuen Kick! Sie kann es sich leisten, die Marke ist eingeführt und darf nicht dazu führen, dass Langeweile aufkommt, dass man mehr Zeit in überfüllten Bussen verbringt als an den Orten, die man eigentlich besuchen will. Man muss diese Großveranstaltungen nicht mögen, aber es ist eine der wenigen, die sich direkt und eng mit dem Ruhrgebiet und seiner Geschichte beschäftigen. Vielleicht ist etwas weniger mehr, bestimmt aber sollte man nicht einfach Events platzieren, sondern überlegt, originell und künstlerisch vertretbar mutigere Auswahl treffen.

Fotos: Dman

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Ein Kommentar zu „Extraschicht“ goes anywhere

  1. ChaLi sagt:

    Neulich ging’s doch mal um die Ursachen für die Zurückhaltung beim Kommentieren. Bei diesem Text fällt mir grad die Wurzel allen Übels auf: Was soll man den „kommentieren“, wenn man nix auszusetzen hat? Lieblingszeilen zitieren? Wär nich so wirklich innovativ, oder?
    Andernorts sieht man das entspannter. Da steht dann schonmal fünf Mal nacheinander „love it“.
    Hm. Hat auf Dauer aber auch nur begrenzten Unterhaltungswert. Also lieber beifällig nicken – und Schnabel halten.

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