Geballte Frauenkultur: Thea Dorn und Maria Schrader präsentieren Geschichten von Lucia Berlin auf der lit.COLOGNE

Frauen sind treue Leserinnen. Das sagt auch die Statistik: Sie kaufen und lesen ca. 15% mehr Bücher als Männer.

Der Trend war jüngst wieder auf der lit.COLOGNE zu beobachten, wobei man fairerweise sagen muss, dass hier die geballte Frauenkultur am Werke war: Thea Dorn vom Literarischen Quartett moderierte eine Lesung mit der Schauspielerin Maria Schrader, die Kurzgeschichten der amerikanischen Autorin Lucia Berlin (1936-2004) vorstellte.

Alibi-Männer in der Minderheit

Über 800 Zuschauer drängten sich im großen Saal der Flora am Kölner Zoo, wobei die mitgebrachten Alibi-Männer eindeutig in der Minderheit waren. So fotografierte der Herr schräg vor mir denn auch lieber die imposanten Kronleuchter und den malerischen Ausblick durch die bodentiefen Fenster zum Park als hingebungsvoll den vorgetragenen Texten zu lauschen. Aber wahrscheinlich tue ich ihm Unrecht, denn bestimmt war der Mann einfach nur besonders multitaskingfähig.

Die Kurzgeschichten hatten es auf jeden Fall in sich: Nicht von ungefähr ist Lucia Berlins Schreiben mit dem Raymond Carvers verglichen worden. Äußerst lakonisch, manchmal sogar grausam beschreibt sie Erlebnisse von Außenseiterinnen und verwandelt so auch ihr eigenes bewegtes Schicksal in Literatur. Die biographischen Anmerkungen von Thea Dorn erhellen dabei den Zusammenhang von Leben und Werk. Die Amerikanerin Lucia Berlin kam aus guten Hause, der Vater war Bergbauingenieur, die Mutter stammte aus einer reichen texanischen Familie, die jedoch ihr Vermögen beim Börsenkrach verlor und in der Folge eine große Anzahl Alkoholiker produzierte.

Schreiben, um dieses Leben zu ertragen

Als Kind zog Lucia Berlin wegen des Jobs des Vaters oft um, so lebte sie einige Jahre in Südamerika. Außerdem litt sie unter der Knochenkrankheit Skoliose, die sie zwang, ein schmerzendes Korsett zu tragen. Als Erwachsene war ihr Lebensglück allenfalls wechselhaft: Sie war dreimal verheiratet, alleinerziehende Mutter von vier Söhnen und zeitweise selbst Alkoholikerin. Erst spät bekam sie eine Stelle an einer Universität, zuvor schlug sie sich mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht durch.

Doch die ganze Zeit über schreib sie, wohl auch, um dieses Leben zu ertragen: In ihren Geschichten wechseln düstere Familienepisoden mit Schilderungen aus dem von Mobbing geprägten Schulalltag in Südamerika sowie vielen Szenen aus dem Milieu der sozial Benachteiligten und Kranken, das sie durch ihre Jobs in Krankenhäusern und Arztpraxen kannte. Die erschütterndste Geschichte aber fand ich in ihrer autobiographischen Schilderung der hemmungslosen Sucht einer Säuferin, die unbedingt an Stoff kommen muss, bevor die Kinder morgens aufwachen…

Erst 2015 wurde ihr Werk wiederentdeckt, durch einen Freund, der eine Auswahl ihrer Geschichten in einem Erzählband versammelte. Diese sind unter dem Titel „Was ich sonst noch verpasst habe“ im Arche-Verlag auf Deutsch erschienen.

Am Büchertisch im Foyer ist der Andrang nach der Lesung groß: Nicht nur Frauen, sondern auch Männer sind überzeugt worden und möchten das Buch unbedingt kaufen…

Die lit.COLOGNE dauert noch bis zum 18. März: www.lit-cologne.de

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