Was bleibt, ist schmerzliches Verlangen: „Die Leiden der Jungen (Werther)” im Theater Oberhausen

Leider nicht die Schlußszene: Lotte und Werther (Emilia Reichenbach und Christian Bayer) in Liebe vereint. (Foto: Katrin Ribbe/Theater Oberhausen)

Der junge Mann klagt. Schmerzlich ist die Liebe zu der Einen, die vom ihm Besitz ergriffen hat, sie reißt klaffende Lücken zwischen Herz und Hirn und Unterleib. Er tänzelt durch den Bühnenraum, erklimmt sehnend rotierende Podeste, entblößt sich, hat diesen schwärmerischen Blick, flirtet mit dem Publikum, spricht die Eine, die er im Parkett wähnt, sehr vertraulich an – doch keine seiner verzweifelten Übungen zeitigt irgendeinen Erfolg. Da ist sein letzter, oft wiederholter Satz fast zwingend: „Leute, ich will sterben“. Oder hat er Lotte gesagt? Angeblich nämlich ist dieser junge Mann, den Christian Bayer im Theater Oberhausen gibt, Goethes Werther nachempfunden. Doch da kann man seine Zweifel haben.

Fokussierte Kernkonflikte

„Nach Johann Wolfgang von Goethe“, so das Programmblatt, sei dieses Stück entstanden. „Die Leiden der Jungen (Werther)“ heißt es, zur Bühnenreife gebracht hat es Leonie Böhm, Jahrgang 1982, die auch Regie führt. Von ihr ist zu lesen, dass sie zu klassischen Stoffen greift, „um deren Kernkonflikte zu fokussieren“. Das ist kein geringer Anspruch.

Werther, kleiner hastiger Exkurs, der Titelheld in Goethes Briefroman, liebte Lotte, die indes mit Albert verlobt und somit unerreichbar war. Doch kamen sich die beiden schon recht nahe, erlebten schmerzlich intensiv den Gleichklang ihrer Empfindungen. Schwärmerische junge Leute waren sie beide, und ihr Idol, der Dichter Klopstock, dessen Namen sie auf dem Höhepunkt seelischer Nähe gleich einer Beschwörungsformel feierlich und fest sprachen.

Bühnenmusiker Johannes Rieder als nagellackierte Damenhand (links) schleppt Werther (Christian Bayer).  (Foto: Katrin Ribbe/Theater Oberhausen)

Sehr guter Popsong

Idole gibt es nach wie vor, Fixpunkte gemeinsamen Sehnens; doch müssen es, meint die Regisseurin, wohl nicht unbedingt Dichter sein. Die emotionssteigernde Wirkung kann auch „ein sehr guter Popsong“ entfalten, oder derer zwei bis drei.

Damit kommt die dritte Person in dieser Oberhausener Geschichte ins Spiel, der Musiker Johannes Rieder. Eigentlich ist er sogar der Erste auf der Bühne, steht dort schon mit seiner handlichen Elektroorgel und spielt gefällige Weisen, während noch das Publikum den Sitzen zustrebt. Er ist, wenn man so will, Tröster, Versteher und manchmal auch so etwas wie der „Sidekick“, wie in einer Talkshow. Vor allem aber spielt und singt er in den richtigen Momenten die aufwühlenden Songs, beziehungsweise deutet er sie mit seinem sparsamen Equipment nur an, was für die Emotionalisierung durchaus ausreichend ist.

Stark getanzt

Er ist es auch, der sozusagen Lotte ins Spiel bringt, mit der er einen atemberaubend schnellen, athletischen und gleichzeitig doch ausdrucksstarken Disco-Tanz auf die Bühne bringt (mit Musik aus dem Off). Er führt sie, so könnte man mit Blick auf Goethes Vorlage vielleicht sagen, in die Gesellschaft ein, und so steht sie im dritten Teil dieser streng chronologisch strukturierten Anderthalbstundenproduktion bald schon recht alleine da und schmachtet ihren Werther an. Die Bilder gleichen sich, alles würde sie geben, erhält aber kein Feedback. Lotte, gespielt von Emilia Reichenbach, schickt Luftküsse ins Publikum, wo der Geliebte vermeintlich sitzt, klagt und jammert, wie gehabt, streckt ihren schönen Hintern lockend vor, entblößt sich zunächst teilweise, dann ganz, fordert voll konkurrenzhafter Wut eine imaginierte Frau im Zuschauerraum auf, wegzugehen („Warum sitzt die da?“), und so fort, und so fort. Es zieht sich etwas.

Von links: Musiker Johannes Rieder, Christian Bayer (unscharf) und Emilia Reichenbach. (Foto: Katrin Ribbe/Theater Oberhausen)

Ein Bier

Die zärtlichen Umarmungen von Werther und Lotte in einigen späten Bildern, die es dann endlich doch noch gibt, wirken wenig glücklich und könnten möglicherweise auch als Sehnsuchts-phantasie verstanden werden. Schließlich ist nur noch der Musikus präsent, der, warum auch immer, mit nerviger Piepsstimme etwas über Liebe, Nähe, Berührungen erzählt. Dann geht er mit einem Zuschauer aus der zweiten Reihe ein Bier trinken, und das Stück ist aus.

Tragische Dimensionen fehlen

Was bleibt? „Sie konnten beisammen nicht kommen“ wie die beiden Königskinder im Volkslied, traurig, traurig. Doch wäre neben der schieren Emotion etwas mehr Klärung des Sachverhaltes willkommen gewesen. So blieb die Bezugnahme auf Werther recht beliebig, mit leichten Veränderungen hätte beispielsweise auch „Romeo und Julia“ zur Vorlage getaugt. In Goethes „Werther“ indes, nur leise sei es angedeutet, gibt es doch einige weitere tragische Dimensionen, die diese Oberhausener Produktion schlicht auslässt. Dabei ist das Stück mit seinem Leiden an der Welt (nicht nur in der Liebe) bekanntlich auch heute noch in hohem Maße jugendkompatibel, taucht immer wieder auf Spielplänen auf.

Bemerkenswerter Schauspieler

Im Spiel Christian Bayers deutet sich die Komplexität der Verzweiflung einige Male an, aber das ist eher das darstellerische Verdienst dieses bemerkenswerten jungen Mannes. Er hat wohl den größten Anteil daran, dass dieser Oberhausener Abend, wiewohl thematisch dünn, als unterhaltsames Schauspielertheater in Erinnerung bleibt, das dankenswerterweise ganz ohne Video-Einsatz oder Ähnliches auskommt (Ausstattung: Zahava Rodrigo, Kostüme: Magdalena Schön, Helen Stein). Das Premierenpublikum spendete naturgemäß begeisterten Beifall.

 

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