„Papa mit Grill“ und die Boxenluder – ein kleiner Streifzug durch die aktuellen Spielzeug-Kataloge

Von Bernd Berke

Spielzeugkataloge blättert man doch immer wieder gern durch – nicht nur vor Weihnachten. Über manche bunten Sachen freuen sich auch Erwachsene, denn die Welt des Spielens verheißt Entspannung.

In dieser Sphäre gibt es seit Jahrzehnten ein paar Ankerpunkte. Zum Beispiel auch in den neuesten Katalogen von Lego oder Playmobil: Bauernhof und Zoo, Klinik und Eisenbahn, Polizeirevier und Tankstelle, Ritterburg und Piratenschiff. Alles ein bisschen schnittiger als früher. Die Freibeuter der Meere scheinen übrigens, wohl auch wegen des Kinohits „Fluch der Karibik“, als Spielthema wieder besonders begehrt zu sein. Kaum eine Firma verzichtet darauf. „Harry Potter“ legt hingegen eine Pause ein, auch auf dem Spielzeug-Markt.

Indianer und Dinos aber bleiben wohl unverwüstlich. Und zur Puppenbühne gehören immer noch die klassischen Figuren Kasper und Krokodil. Solche Traditionspflege wirkt anheimelnd. Auch die (wirtschaftlich gebeutelten) Modellbahn-Herstelller Märklin, Trix und Fleischmann beschwören die gute alte Zeit und bieten mit Vorliebe Züge aus den Wirtschaftswunder-Jahren an – digital aufgerüstet, versteht sich. Wahrscheinlich sind sie pünktlicher als die „richtige“ Bahn von heute. Man wird jedenfalls den Verdacht kaum los, dass sie in erster Linie für Väter hergestellt werden.

Klare Bereiche für Mädchen und Jungen

In den Spielzeug-Prospekten sieht man selbstverständlich nur aufgeweckte und allzeit fröhliche Kinder. In diesem Leben ohne Nervensägen, Langeweile und Verdruss sind die Sphären der Jungen und Mädchen sehr deutlich voneinander geschieden. Es gibt immer was zu tun: Hier werden Jungs eben als Technik-Tüftler oder Hand- und Heimwerker gezeigt. Ob sie uns später den Samstag zur Lärmhölle machen werden?

Die Mädchen kümmern sich derweil putzmunter um Spielküche und Puppenstube. Ganz selbstverständlich. Im Karstadt-Prospekt lautet die lockende Zeile so: „Süße Puppen für kleine Mamas.“ Von wegen „neue Väter“ der Zukunft. Verfechter einer „politisch korrekten“ Pädagogik (Anhänger wertvollen Holz-Spielzeugs) wenden sich mit Grausen. Aber die Verwandtschaft schenkt ja doch, was diese Eltern nicht gutheißen.

Schon die Farbgebung signalisiert es: Wenn die Rosa-Töne anschwellen, sind garantiert Spielsachen für Mädchen dran. Kämmbare Pferdchen mit langer blonder Mähne, Barbie & Co, die herzallerliebste „Kutsche für 12 Prinzessinnen“. Das ganze Programm. Nicht wenige Mädchen entwickeln später trotzdem ästhetisches Empfinden. Womöglich sind sie ja irgendwann zu Lehrreichem wie dem Memory „Weltkulturerbe“ (ab 8 Jahre!) sanft überredet worden?

Bei näherem Hinsehen fallen im Stapel der Kataloge nette Details auf: So gibt es etwa die alltagsnahe Spielfigur „Papa mit Gril“ und zum Krankenhaus-Umfeld gehört das Set „Pflegerin mit Patient“. Wir spielen Gesundheitsreform, wer spielt mit?

Auf etwas andere Weise wirklichkeitsgetreu: An den Rändern der Carrera-Rennstrecken kann man spärlich bekleidete „Boxenluder“ aufstellen. Für den Mann im Kinde oder das Kind im Manne. Selbst eine antike Arena ist für gutes Geld zu haben: mit Imperator, Gladiatoren, Tigern und Löwen. Alles zum Kampf bereit. Große Geschichte.

Eigentlich klar, dass kein Spiel „Das kleine Finanzamt“ oder „Buchhaltung“ heißt. Grellere Action muss beim Spielzeug meist schon sein, gemäß dem Motto: Alles rennet, rettet, flüchtet. Möglichst knatschbuntes Plastik, elektronisch betrieben. Mindestens blinken soll es. So jedenfalls stellen es sich (erwachsene) Spiel-Produzenten vor, die ihre Angebote als „cool“ anpreisen. Man möchte in ihren gewiss gewichtigen Produkt-Konferezen mal Mäuschen spielen. Für Jungs haben sie jedenfalls beängstigend aggressiv dreinblickende Fahrzeuge und scheußlich geklonte Monster parat – wahrscheinlich zwecks unschädlicher Aggressionsabfuhr.

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HINTERGRUND

„Kein Spiel macht dumm“

  • Umsatz mit traditionellen Spielwaren in Deutschland pro Jahr: rund 2,3 Milliarden Euro.
  • In Großbritannien bzw. Frankreich werden jährlich je Kind über 200 Euro für Spielzeug ausgegeben, bei uns 145 Euro.
  • Vor allem die chinesischen Importe machen den deutschen Herstellern zu schaffen.
  • Kluge Sätze zum Spiel: „Atome spalten ist ein Kinderspiel, verglichen mit einem Kinderspiel.“ (Albert Einstein)
  • „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Friedrich Schiller)
  • „Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt als zu spielen.“ (Henrik Ibsen).
  • „Nur Arbeit und kein Spiel macht dumm.“ (Karl Marx).
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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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