Am Grenzstreifen menschlichen Lebens – „Die Ewigkeit und ein Tag“ von Theo Angelopoulos

Von Bernd Berke

Die Filme des Griechen Theo Angelopoulos sind unerschöpfliche Phänomene. Immer wieder gelingen diesem großen Seher des europäischen Kinos jene überaus langsamen, geheimnisvoll bannenden Bildfolgen, bei denen man sich fast benommen den Ur-Fragen anheimgibt: Was ist der Mensch, wo kommt er her, wo geht er hin?

Der Titel seiner neuen Film-Meditation signalisiert wieder zeitlose Tiefe: „Die Ewigkeit und ein Tag“. Der famose Bruno Ganz spielt den eisgrau gealterten Schriftsteller Alexander, der – von tödlicher Krankheit gezeichnet – sein Haus am Meer aufgibt, um die letzte Lebensreise anzutreten, vom Irdischen schon fast befreit.

Beim Ausräumen der Zimmer findet Alexander einen 30 Jahre alten Brief seiner Frau Anna, geschrieben 1966 – ein Jahr vor der Papadopoulos-Diktatur in Griechenland. Das Schreiben enthält den liebevollen Vorwurf, daß Alexander seinem Werk mehr Zeit widme als seiner Familie. Hat er über all dem Ringen um treffende Worte sein Lebensglück versäumt? Dieser elegische Film spürt dem möglichen Verlust und überhaupt der Flüchtigkeit des Daseins nach.

Alexander fährt im klapprigen Auto durch Thessaloniki. Plötzlich stürmen kleine Jungen herbei, die an roten Ampeln unverlangt Windschutzscheiben reinigen, um ein paar Drachmen zu verdienen. Polizisten rennen hinter den Straßenkindern her. Alexander gabelt einen Jungen auf, nimmt ihn ein paar Blocks weit mit, setzt ihn ab. Eine Rettungstat? Tage später wird Alexander Zeuge, wie dieser mutterseelenallein aus Albanien geflüchtete, bitterarme Junge von zwei Kerlen verschleppt wird, die offenbar auch das Münzgeld bei ihm abkassieren.

Alexander fährt hinterher und findet heraus, daß der Kleine mit anderen Jungen in einem schäbig verfallenen Bau an „feine Herrschaften“ verhökert werden soll; vielleicht zur Adoption – wer weiß? Jedenfalls kauft er diesen einen Jungen aus der Drangsal frei. Beide streunen fortan äußerst wortkarg durch ein tristes winterliches Zwischenland grauer Nebelschleier und schmutziger Schneereste.

Dieser Grenzbezirk liegt nicht nur zwischen Griechenland und Albanien, sondern überall. Der Mensch an sich wird hier vor die Grenze gestellt und sieht sich sich großen Rätsel-Erscheinungen gegenüber… Ziellos sind der Dichter und das Kind, zwei Verlorene und aus der Zeit Gefallene, in diesem suggestiven Irgendwo unterwegs, als hätten sie das Hier und Jetzt schon losgelassen. Im wirklichen Grenzstreifen mit bewaffneten Posten sehen sie fluchtwillige Menschen wie Unheils-Vögel im Drahtgitter hängen. Mahnung für den ganzen Kontinent?

Stets schweift Alexanders Erinnerung zurück zu jenem schönen Sommertag, an dem er Anna wohl verfehlt und das greifbare Glück ein für allemal versäumt hat. Doch er hat auch die Vision eines griechischen Autors im 19. Jahrhundert, der aus Italien in seine Heimat zurückkehrt und nun – der Muttersprache nahezu unkundig – den Landsleuten Worte abkauft. Jeder wahre Ausdruck kommt ihm kostbar vor wie ein Diamant. So wertbeständig ist auch dieser Film.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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