Peter Rühmkorf: „Ich wollte Tag für Tag mein Ich zusammensetzen“

Den „großen Roman“ hat er nie geschrieben, als Dramatiker blieb er glücklos. Doch Peter Rühmkorf gilt vielen als wichtigster lebender Lyriker in Deutschland. Jetzt hat er – mehr als 30 Jahre „danach“ – unter dem Titel „Tabu II“ bei Rowohlt seine Tagebücher von 1970/71 vorgelegt. Es war die Zeit des beginnenden RAF-Terrors, des allmählichen Zerfalls der APO (Außerparlamentarische Opposition) – und eine Zeit, in der Rühmkorf in Hamburg eine heimliche Liebschaft hatte. Ein Gespräch mit Rühmkorf auf der Frankfurter Buchmesse.

Frage: 1970 waren Sie knapp über 40 Jahre alt, und da haben Sie etwas Erschreckendes geschrieben, nämlich dass ein Mann sich ab 40 am besten einbalsamieren lassen soll…

Peter Rühmkorf: Mh. Habe ich das wirklich geschrieben?

Nun, das genaue Wort lautete wohl „mumifizieren“. Aber Sie haben sich damals doch auch ganz schön ins Leben gestürzt: St. Pauli, die Kneipen…

Rühmkorf: Naja, einerseits war ich heimisch wie meine Katze, die in den Aufzeichnungen ja eine große Rolle spielt. Aber sie büxte manchmal aus. Und auch ich habe mich in die Welt begeben. St. Pauli hatte so einen gewissen Hautgout, dass es mich da öfter hingezogen hat. Ich war häufig mit dem Autor Hubert Fichte dort, der damals noch gelebt hat. Er kannte verschwiegenste Winkel auf St. Pauli. Damals ging es dort noch richtig familiär zu.

Jetzt wohl nicht mehr?

Rühmkorf: Heute weht da ein ganz scharfer Wind. Es gibt Bandenkriege.

Sie haben damals ein sehr junges Mädchen kennen gelernt, eine Schülerin, noch dazu Kapitänstochter.

Rühmkorf: Oh, das war eine gefährliche Partie. Mit Lolitas hatte und habe ich nichts im Sinn. Aber junge Mädchen in dem Alter, in dem die Schoten kurz vorm Platzen sind, die haben einen großen Reiz – vor allem dann, wenn man selbst so’n bisschen das Alter in die Knochen steigen fühlt.

Hatten Sie damals kein schlechtes Gewissen gegenüber Ihrer Ehefrau?

Rühmkorf: Doch, doch! Auch das hat mich an den Schreibtisch getrieben. Das wollte mit aufs Papier. Ich dachte kürzlich noch: Wenn das jetzt als Buch `rauskommt – hoffentlich lässt sie sich nicht scheiden! Als Flaneur kannte sie mich ja schon, das hat sie mit dem Mantel der Liebe zugedeckt. Aber ein festes Verhältnis in Hamburg über so lange Zeit, von dem sie absolut nichts wusste… Ich lese zu Hause nie Manuskripte vor, ich zeige immer nur Gedrucktes. Das Buch habe ich ihr mit Bibbern und Zagen in die Hand gedrückt. Aber wenn etwas gut geschrieben ist, dann überwiegt bei ihr das literarische Vergnügen. Es ist ein Pflaster für die Wunden.

Die Episode steht zunächst im Vordergrund, dann aber kommt mehr und mehr das Politische ins Spiel.

Rühmkorf: Die Außerparlamentarische Opposition hat sich damals in Gruppen und kleinste Grüppchen zersplittert. Der Zusammenhalt der Linken ging verloren. Fast wie seinerzeit in der Französischen Revolution. Aber gottseidank hatten sie 1970 keine Guillotine mehr! Man hat mich nur einige Male bei öffentlichen Veranstaltungen von der Bühne gepfiffen. Ich bin an den Rand der Linken gespült worden. Das war auch ein Motiv, dieses Tagebuch zu beginnen. Ich wollte wissen, welchen roten Faden ich in meinem Leben noch verfolgen sollte. Ich wollte mein eigenes Ich wieder zusammensetzen. Tag für Tag, aus dem Moment heraus, mit ganz knappen Skizzen.

Sie beschreiben die Baader-Meinhof-Gruppe als eine Art Tourneetheatergruppe des Terrorismus.

Rühmkorf: Ja. Damals gab es überall Mitmach-Theater, mobiles Theater, das die Menschen einbeziehen wollte. Die Schauspieler kamen von den Bühnen herunter. Alles fauler Zauber! Und Baader-Meinhof passte in die Zeit. Sie erschienen mir als das allermobilste Reise-Theater: gefälschte Pässe, Perücken, immer neue Gewänder, den Colt in der edlen Aigner-Tasche. Ein eigenartiges Spektakel, für das sich die ganze Republik interessierte…

INFO:

Am 25. Oktober 2004 wird der in Dortmund geborene Rühmkorf 75 Jahre alt. Er wird daher in diesem Herbst besonders oft gerühmt und ausgiebig veröffentlicht. Neben seinen Tagebüchern ist jetzt u.a. auch ein bebilderter Band zu seiner Biographie erschienen: „Wenn ich mal richtig ICH sag“ (Steidl Verlag).

Zur Erläuterung, weil sie indirekt im Gespräch vorkommt: Seine Frau Eva Rühmkorf war in jenen frühen 70er Jahren reformfreudige Gefängnisdirektorin und wurde später Kultusministerin von Schleswig-Holstein.

(Der Beitrag ist in ähnlicher Form am 23. Oktober 2004 in der „Westfälischen Rundschau“ erschienen)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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