Immerzu Krieg mit Pausen – Günter Grass zieht in seinem neuen Buch „Mein Jahrhundert“ Bilanz

Von Bernd Berke

Alle ziehen Bilanz, auch Günter Grass. Im letzten von 100 Texten seines Buchs „Mein Jahrhundert“ läßt er seine verstorbene Mutter auferstehen. Und also redet sie 1999: „Nun aber soll ich erzählen, wie es früher gewesen ist. Sag ich ja, Krieg war, immerzu Krieg mit Pausen dazwischen“.

Jedem Jahr des verfließenden Jahrhunderts ist im „neuen Grass“ ein kurzer Text gewidmet. Nach der Lektüre muß man glauben, dies sei in seinen Untiefen vor allem eine deutsche Epoche gewesen. Nur sporadisch schweift der Blick über die Grenzen.

Die schlimmen Zeiten beginnen gleich anno 1900, als ein bayerisches Regiment auf Kaisers Befehl ausrückt, um den Boxeraufstand in China niederzuschlagen. Als Wegmarken folgen die Weltkriege mitsamt allen Vor- und Nachwehen, mit Massenarbeitslosigkeit, Inflation, militärischer wie mentaler Aufrüstung und späteren Prozessen gegen Kriegsverbrecher, aber auch allfälligen „Kameradschaftstreffen“. Vergangenheit, die nicht vergehen will.. .

Der Erzähler ist allgegenwärtig

Grass schlüpft in allerlei Rollenprosa, mischt Fakten und Fiktion. Als allgegenwärtiger Erzähler versetzter sich in Akteure der jeweiligen Zeit hinein, bringt sich aber auch gelegentlich selbst ins historische Spiel: z. B. 1953 als Zaungast des Ostberliner Arbeiteraufstands, 1959 just als Autor der „Blechtrommel“, 1965 als SPD-Wahltrommler.

Historische Stichproben: Grass leiht seine Stimme einem Mann aus der Menge, der 1908 als Kind die flammenden Reden des Sozialisten Karl Liebknecht gehört hat. 1910 denkt eine Frau aus dem Ruhrgebiet über die Krupp-Kanone „Dicke Berta“ nach, bevor 1911 der Kaiser von einer kampfkräftigen Flotte träumt. 1933 spricht ein liberaler Galerist, der Max Liebermanns Ekel vor dem NS-Staat beschreibt.

Ernst Jünger redet mit Remarque

1937 erscheint Grass selbst als kleiner Junge, der auf dem Schulhof den Sieg des Faschisten Franco im Spanischen Bürgerkrieg nachspielt. 1946 äußert sich eine „Trümmerfrau“, 1955 will ein Häuslebauer ein Atombunker-Loch im Garten graben und stürzt hinein. 1962 hören wir jenen Glaser, der den Angeklagtenstand für den Eichmann-Prozeß gebaut hat. 1989 wirken Szenen der Maueröffnung im TV auf einen Ostberliner wie ein Kalte-Krieger-Film, 1997 bekommt das geklonte Schaf „Dolly“ seinen Auftritt.

Grass hat einige Phasen des Jahrhunderts nicht Jahr für Jahr abgehandelt, sondern als verklammerte Fortsetzungsgeschichten. So läßt er Ernst Jünger und seinen politischen Gegenpart Erich Maria Remarque über den ganzen Ersten Weltkrieg plaudern, das Inferno des Zweiten Weltkriegs wird aus der verzerrten Perspektive eines Treffs früherer Frontberichterstatter ins Auge gefaßt.

Die Konstruktion schimmert durch

Detail-Recherchen ließ Grass von einem jungen Historiker erledigen, und offenbar hatte er die Zeittafel immer bei sich, so umständlich fügt er dies und jenes ein. Das Gerüst der Konstruktionen scheint häufig durch. Über weite Strecken liest sich das alles wie braver Schulfunk, wie ein geschichtliches Ratespiel. Elan ist kaum zu spüren.

Grass fordert den Leser nicht allzu sehr. Nach ein Paar Absätzen ist die Aufgabe jeweils umrissen. Sodann wird die Sache mit Anstand, aber ohne sonderlichen literarischen „Überschuß“ fortgeführt. Etliche erfundene Zeitzeugen scheinen dem Kern der Verhältnisse nicht näher zu kommen als ein distanzierter Beobachter.

Im Steinbruch der Geschichte

Erstaunlich unaufwendig und schmucklos kommt die Sprache daher. Fundstücke, die einen Zeitabschnitt auf den Begriff brächten, sind selten. Auch Grass‘ Aquarelle, einer Sonderausgabe beigegeben, illustrieren die Sachverhalte und Gefühlslagen nur.

Grass entwirft kein großmächtiges Panorama des Jahrhunderts, sondern ein hie und da schimmerndes Kaleidoskop ohne vorschnelle Gewißheiten. Durch Kreuz- und Querbezüge, wie etwa jene mehrfach aufgegriffene Geschichte martialischer Kopfbedeckungen (Pickelhaube, Lederkappe, Stahlhelm) gewinnt die Erzählung zuweilen etwas tieferen Atem. Doch insgesamt erleben wir ein ziemlich mühevolles „Abarbeiten“ im Steinbruch der Geschichte.

Günter Grass: „Mein Jahrhundert“. Steidl Verlag. 384 Seiten, 48 DM / Ausgabe mit Aquarellen des Autors: 416 Seiten Großformat, 98 DM (beide ab 10. Juli im Buchhandel)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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