Günter Grass 80: Lebenslustiger Pessimist

Es gab Zeiten, da war sein Ruhm kaum noch zu steigern. Als Günter Grass im 1999 den Literaturnobelpreis bekam, war er auf dem Gipfel der weltweiten Reputation angelangt.

Doch die moralische Instanz, die er über Jahrzehnte gewesen ist, hat Risse bekommen. Sein allzu spätes Eingeständnis, mit 17 Jahren Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat die Nation im Sommer 2006 wochenlang bewegt. Vor allem konservative Geister, die der linksliberale Grass zuvor vielfach mit polemischen Äußerungen verärgert hatte, witterten nun ihre Chance auf Revanche. Sie warfen ihm anmaßende Selbstgerechtigkeit vor. Aber waren sie selbst frei davon?

Das Lebenswerk des Mannes, der am 16. Oktober 80 Jahre alt wird, hat jedoch Bestand. Und sein Publikum hat treu zu ihm gehalten. Zudem wird schon seit Jahren eifrig für seinen Ruhm gesorgt. Eine umfangreiche Werkausgabe im Steidl-Verlag versammelt die Schriften für die Nachwelt.

Einen „lebenslustigen Pessimisten” hat sich Günter Grass einmal selbst genannt. Wahrhaftig gibt es ja den „barocken” Genussmenschen Grass, der seine Gäste gern als meisterlicher Koch verwöhnt. Doch man kennt auch den mürrischen Mann, für dessen Empfinden der Fortschritt gar zu schneckenhaft kriecht. In einer Phase freilich, um 1968, wollte Grass selbst die Entwicklung lieber bremsen und in Richtung Sozialdemokratie lenken. Der SPD hat er sich zeitweise mehr verschrieben, als es einem unabhängigen Autor guttun konnte.

Allein die Tiergestalten, die zentral in seinen Büchern vorkommen, liefern reichlich Stoff: „Die Vorzüge der Windhühner” (Lyrik-Erstling, 1956), „Katz und Maus” (1961), „Hundejahre” (1963), „Aus dem Tagebuch einer Schnecke” (1972), „Der Butt” (1977), „Die Rättin” (1986), „Unkenrufe” (1992) und „Im Krebsgang” (2002). Zwei philosophierende Ratten traten schon im Theaterstück „Hochwasser” (1957) auf.

Die Bildkraft dieser Menagerie beruht nicht auf Zufall. Grass, der eine Steinmetzlehre und Kunstakademien in Düsseldorf und Berlin absolvierte, hat literarische Einfälle stets anhand eigener Skulpturen oder Graphiken überprüft. Bei dem ungemein schöpferischen Autor ist kaum auszumachen, ob etwa ein Roman ursprünglich aus Bildern hervorgegangen ist –oder ob sprachliches Fabulieren den ersten Keim gesetzt und Bilder nach sich gezogen hat. Am Anfang war das Wort? Nicht unbedingt.

Unstrittig lässt sich der zentrale Ort im literarischen Universum des Günter Grass bestimmen: seine Geburtstadt Danzig, ein Brennpunkt geschichtlicher Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Aus dem Fundus seiner Kindheit hat Grass unvergessliche Geschichten geschöpft.

Über Oskar Matzerath und die „Blechtrommel” (1959) herrscht Einvernehmen: Der Roman bedeutete den „Durchbruch” der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Er galt als Fanal gegen die Verdrängung der Nazi-Vergangenheit, obgleich er weder politisiert noch moralisiert, sondern die Zeitläufte mit saftigen Figuren darstellt.

Nach Erscheinen seiner Bücher überwog meist vorschnelle Erregung, denn Grass mischte sich vehement in gesellschaftliche Fragen ein. Wortgewaltig malte er die Apokalypse einer zerstörten Umwelt („Die Rättin”) oder begab sich in die Untiefen des Matriarchats („Der Butt”).

Er ist kein gewöhnlicher Schriftsteller, sondern ein Repräsentant, dessen Meinung zu vielen Themen gefragt ist – wie einst Thomas Mann, dessen Geburtsstadt Lübeck sich Grass zur Wahlheimat erkor. Beiden Größen widmete die Hansestadt Gedenkorte: Buddenbrook-Haus und Grass-Haus sind Pilgerstätten.

Feindselige Regungen hat Grass oft zu spüren bekommen. Für horrende Hysterie sorgte 1995 sein Roman „Ein weites Feld”. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki zerriss den Band auf einem „Spiegel”-Titelbild buchstäblich in der Luft. Im Angesicht verflossener Zeit wirken solche Aufregungen geradezu lachhaft.

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Foto: Günter Grass im Oktober 2004 auf der Frankfurter Buchmesse (Urheber: Florian K – de.worldcupwiki.org – Creative Common Lizenz, Wikipedia)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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