Mann aus kaltem Marmor – Ernst Jünger starb mit 102 Jahren in seiner schwäbischen Zuflucht Wilflingen

Von Bernd Berke

Als der Zweite Weltkrieg endete. war der Schriftsteller Ernst Jünger bereits 50 Jahre alt. Selbst 1914, als der Erste Weltkrieg begann, war er kein Kind mehr, sondern ein 19-Jähriger. Jünger, der gestern mit 102 Jahren starb, hat eine ungeheure Lebensspanne, hat nahezu unser gesamtes Jahrhundert durchmessen. Manche haben ihn allein deswegen in mythische Höhen entrücken wollen.

In jüngster Zeit etwa näherten sich Autoren wie Botho Strauß und Rolf Hochhuth dem Phänomen Ernst Jünger „auf den Knien ihres Herzens“, wie jenes herrlich windschiefe Kleistsche Sprachbild lautet.

Falls man auch nur ein wenig liberalen Geist bewahrt hat, darf man dies nicht vergessen: Der am 29. März 1895 in Heidelberg als Sohn eines Apothekers geborene Ernst Jünger hat den Zerfall der Weimarer Demokratie und noch das Heraufdämmern der NS-Diktatur pathetisch gefeiert.

Vision vom perfekten Körper des Soldaten

Den Jugendlichen zog’s fort zur Fremdenlegion. Vielleicht hat er sich Freiheit und Abenteuer erträumt. In den Ersten Weltkrieg stürzte er sich dann – wie so viele – mit schäumender Begeisterung. Vierzehn Verwundungen trug er davon.

1920 erschien sein literarischer Erstling „In Stahlgewittern“. Weit entfernt von Ernüchterung nach den furchtbaren Schlachten, pries Jünger die „stählernen“ Soldatenkörper und deren „Erlösung“ im allumfassenden Blutrausch. Liest man diesen Text gegen den Strich, so kann er freilich eine höchst wertvolle Lektüre zur Entschlüsselung des Jahrhunderts sein. Dann enthüllt das Buch nämlich sehr präzise die Triebkräfte jener „Männerphantasien“, wie sie Jahrzehnte später von Klaus Theweleit namhaft gemacht wurden.

Jünger selbst schritt – äußerlich kalt bis ans Herz – so gut wie unversehrt durch alle kommenden Katastrophen, nie wieder warf er sich an vorderste Fronten. Der erklärte Geistes-Aristokrat legte sich eine Attitüde der Unnahbarkeit zu. Er stand über allem.

Proletarier als kraftstrotzende Titanen

1932 erschien Jüngers Buch „Der Arbeiter“. Der Autor ließ sich damals zwar auch vom bolschewistischen Menschenbild inspirieren, doch in den Proletariern sah er beileibe keine ausgebeutete Klasse, sondern kraftstrotzende Titanen, die mit dem Rhythmus eiserner Maschinen verschmelzen. Ein ähnlich mitleidloser Männerbund wie das Militär. Für Frauen war in dieser grausigen Welt eigentlich kein Platz, auch nicht für Opfer der Gewaltsamkeit.

Die Nazis verachtete Jünger insgeheim als niedere Plebejer, nachdem er selbst ihren Un- : geist mit heraufbeschworen hatte. Im besetzten Paris residierte er als einer der deutschen Statthalter im Stab des dortigen Wehrmachts-Befehlshabers. Das Inferno der Eroberung hatte er auch schon mal bei einem guten Glas Wein als ästhetisches Schauspiel goutiert. Ein Herrenreiter, der auf Ordnung hielt, sich aber vom flammenden Chaos faszinieren ließ und gelegentlich mit Rauschmitteln experimentierte. Derlei Erfahrungen komprimierte er in dem 1970 erschienenen Band „Annäherungen. Drogen und Rausch“.

Daß ihn gerade französische Intellektuelle so verehren, hat vielleicht mit deren Hang zu erzdeutschen Gegenbildern gallischer Leichtigkeit zu tun: Wagner, Nietzsche, Heidegger, Jünger. Vier tiefe teutonische Abgründe, in die man jenseits des Rheins mit wohligem Schaudern blickt.

Politik im Zeichen der Biologie

Einzelne mag Jünger mit Anstand vor dem Tode gerettet haben, doch das schlimme Ganze hat er ohne Gegenwehr geschehen lassen, als beträfe es ihn gar nicht. Stets neigte er dazu, Politik und Geschichte unter biologischen Vorzeichen zu sehen, wie unabwendbare Naturereignisse. An all dem änderte auch sein Werk „Auf den Marmorklippen“ (1939) wenig, das als Schlüsselroman über Konflikte zwischen NS-Bonzen gedeutet werden konnte. Das vierjährige Publikationsverbot, das die Alliierten 1945 über ihn verhängten, kam jedenfalls nicht von ungefähr.

Oft hat man Jüngers Sprachstil über die Maßen bewundert. Doch neben jenen wie aus kaltem Marmor perfekt gemeißelten Passagen gibt es auch Blendwerk. Die Klarheit ist im Kern oft schiere Banalität. Nicht selten schrieb Jünger unerträglich gravitätisch, indem er noch die geringsten Dinge aus seinem Umkreis zu Ausformungen des Weltgeistes erklärte.

Seine seit 1980 erschienenen Alterstagebücher „Siebzig verweht“ (inzwischen fünf Teile) zeigen ihn mit seiner Insektensammlung, mit Ur-Mutter Erde und der Ewigkeit eisig allein, erhaben über alle Gegenwart. Zu solchen überzeitlichen Höhen zog es auch Staatsmänner wie Kanzler Kohl und Frankreichs verstorbenen Staatspräsidenten Mitterrand hinan, die Jünger gemeinsam im oberschwäbischen Wilflingen besuchten, wo der Autor seit 40 Jahren zurückgezogen lebte.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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