Man fühlt schon, wie der Winter naht – Tschechows „Kirschgarten“ im Theater Oberhausen

Von Bernd Berke

Oberhausen. „Unser Leben ist verdammt dumm“, denn: „Wir spielen uns voreinander auf.“ Anton Tschechows Drama „Der Kirschgarten“ enthält Sätze, von denen sich mancher ertappt fühlen müßte. In Oberhausen hat sich nun Thomas Goritzki (Regie) dem modernen Klassiker genähert.

Die Gutsbesitzerin Ranevskaja (Elenor Holder) kehrt, von Leben und Liebe enttäuscht, nach langen Jahren aus Frankreich ins ach so rückständige Rußland zurück. Doch auch dort ist nichts mehr so, wie es war. Ihr Verwalter Lopachin (Andrea Bettini), aufgewachsen noch als Sohn eines Leibeigenen, zieht inzwischen die geschäftlichen Fäden. Er stellt die Dame von Welt vor die Wahl: Entweder, die Ranevskaja lasse ihre überschuldeten Güter freiwillig parzellieren und stückweise an Sommerfrischler verkaufen, oder das Ganze müsse in einem Rutsch zwangsversteigert werden. Jedenfalls habe man den ökonomisch nutzlosen Kirschgarten in Kürze abzuholzen. Geld kommt, Schönheit stirbt. Und mit ihr die Erinnerung an glücklichere Zeiten im Garten.

Die langen Momente des Stillstands

Das Stück zeigt die langen Momente des Stillstands vor dem Vergehen. Die Zeit zieht vorüber, aber sie will nicht wirklich voran. Die bittere Wahrheit wollen diese Leute nicht wissen. Sie warten, aber worauf denn eigentlich noch? Man redet, ißt, trinkt, träumt und tanzt ein wenig und – spielt sich voreinander auf.

In der Oberhausener Inszenierung äußert sich die Hilflosigkeit der Menschen angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen nicht zuletzt in Umstandskrämerei bis zum Slapstick. Anfangs scheint es, als werde hier das Stück verjuxt, wenn etwa einer um den Tisch herumgeht und ungeschickt alle Stühle umwirft. Doch dabei bleibt es nicht: Es ist mehr zum Weinen. Denn derlei Komik ist nur vordergründig, dahinter lauert ersichtlich das Menschenweh, lauern Melancholie, Überdruß und ein Hauch von Hysterie. Den Nuancen und Zwischentönen derart gemischter Gefühle spürt man in Oberhausen mit staunenswerter Trennschärfe nach.

Die Regie bleibt variabel in der Staffelung der zahlreichen Gruppenszenen (kein leichtes Handwerk, fürwahr). Darsteller, die gerade keinen Text sprechen, stehen also nicht einfach abwartend herum, sondern spielen mimisch und gestisch weiter. Immer wieder gelingen Augenblicke von solcher Eindringlichkeit, daß man die Lebenswege der Figuren – gleichsam verlängert in die imaginäre Zeit vor und nach dem Stück – plastisch vor sich sieht.

Man glaubt zu wissen, was aus ihnen wird: aus dem ewigen, dem Selbstmord zugeneigten Pechvogel Epichodov (Jeffrey R. Zach); aus der zwitschernd munteren Tochter Anja (Simone Kabst); aus der altjüngferlichen, streng gewissenhaften Pflegetochter Varja (Kornelia Lüdorf); aus dem nervösen Zimmermädchen Dunjasa (Sabine Maria Reiß); aus dem Studenten Trofimov (Mark Oliver Bögel), der von Menschenstolz palavert und hochmütig „über der Liebe stehen“ will – und worauf es mit all den anderen hinauslaufen könnte.

Jahreszeiten, Seelenstimmungen: Das Stück, das im Frühling beginnt, endet im Herbst. Und man spürt schon, wie der Winter naht…

Nächste Termine: 15., 25., 29. Oktober (jeweils 19.30 Uhr). Karten: 0208 / 85 780.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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