Über den Wolken muß der Umsatz wohl grenzenlos sein – Kristiane Allert-Wybranietz und ihre millionenfach verbreiteten „Verschenk-Texte“

Von Bernd Berke

Imageberater würden Frau Kristiane Allert-Wybranietz vielleicht einen griffigen Künstlernamen empfehlen, den sich das Publikum merken kann. Doch das hat diese Frau längst nicht mehr nötig. Sie hat Erfolg – und wie!

Die Auflage ihrer zahllosen Gedichtbändchen geht in die Millionen, und die Autorin aus Obernkirchen bei Hannover dürfte zu den materiell am meisten gesegneten der Republik zählen. Wie schafft sie das nur?

Ihre Bücher heißen beispielsweise „Du sprichst von Nähe“, „Dem Leben auf der Spur“ oder „Willkommen im Leben“, sie geben sich also im Titel ganz lebensnah – und werden doch niemals konkret. Vielleicht ist es ein Erfolgsgeheimnis: Über den Wolken muß der Umsatz wohl grenzenlos sein. Und der/die Leser(in) wird leichter eingelullt.

Den Oberbegriff „Verschenk-Texte“, der auf jedem Umschlag prangt, darf man nicht wörtlich nehmen. Natürlich bekommt man diese Bändchen nicht gratis, sondern – als Taschenausgabe in der entsprechenden Reihe des Heyne-Verlags – für je 16 DM. Der Käufer oder die Käuferin sind’s, die diese Texte verschenken sollen.

Poesiealben der Betroffenheit

Auch die neueste Hervorbringung der 1955 geborenen Autorin (Titel: „Heute traf ich die Sehnsucht“) ist ein Poesiealbum der sanftmütigen Betroffenheit. Gedichtnamen wie „Bewahr dich dir selbst“ oder „Ich will die Tiefe spüren, ich will die Tiefe aushalten“ entstammen einem abgenutzten Psycho-Jargon und deuten wohl schon auf den lebensgeschichtlichen Hintergrund hin, der mit Selbsterfahrungs-Exerzitien im Stil der 70er Jahre innig zu tun haben dürfte.

Jede, aber auch wirklich jede Zeile, die Kristiane Allert-Wybranietz (offenbar im Fließbandtempo) zu Papier bringt, ist sicherlich lieb und gut gemeint. Immer will sie Mut machen und alle Verzagten zur Rückkehr ins Leben aufrufen. Solche tröstlichen Handreichungen für den Alltag hat man einmal „Verständigungstexte“ genannt.

Daß die Autorin just das Gegenteil von Beunruhigung oder gar Provokation im Sinn hat und nirgendwo anecken will, zeigen die häufigen Relativierungen, die sie in Klammern hinter ihre eh schon maßvollen Behauptungen zu setzen pflegt. Vorsicht ist die Mutter der Verkaufszahlen.

Es ist gar keine wirkliche Lyrik

Aus der lyrischen Fabrik kommt freilich gar keine wirkliche Lyrik. Es ist nur die Aufteilung in Einzel-Zeilen, die den optischen Eindruck „Aha, ein Gedicht“ erweckt. Ansonsten könnte man exakt dieselben dürren Worte genau so gut in Prosa drucken.

Typisches Beispiel: „Steine, Barrieren und / andere Hindernisse / finden wir zuhauf / in unserem Alltag, / so daß wir unser Dasein / nicht auch noch selbst mit / Wenns und Abers / pflastern müssen!“ So kraftlos ist dieser Text, daß er das Ausrufezeichen am Ende bitter nötig hat. Und dann plätschert es, fern von jeder lyrisch verdichteten Sprache, so daher: „Das Heucheln in unserer Gesellschaft ist / es, was jedem und besonders jedem / feinfühligen Menschen / (wenn er nicht schon / abgestumpft mitmacht) / schwer zu schaffen macht. / Viele Probleme, Verletzungen und / Traurigkeiten / wären nicht vorhanden, / wenn wir Menschen zueinander / offen wären…“

Wer würde da inhaltlich zu widersprechen wagen?

Lebendigkeit – besser als Erstarrung…

Die unablässig sich von Zwängen befreiende „Menschin“ spricht zu uns aus solchen abstrakten Zeilen. Ist’s der gute Rat einer Freundin am Kaffeetisch oder nicht doch der unterschwellig anmaßende Tonfall einer strengen Gesetzgeberin, wenn sie Sätze schreibt wie diesen: „Eingeschliffene Elemente / sollte man / aus der Partnerschaft / entfernen.“

Es klingt mühsam und doch eilig hingeschludert, so daß Stilblüten nicht ausbleiben: Unter dem Titel „Tu Es !“ lernen wir: „Es ist lebendiger, / als dem Blut der Liebe / den Motor des Lebens abzuwürgen.“

Ansonsten ist diese Seel(ch)en-Welt sehr übersichtlich und stets mehrheitsfähig: Liebe und Vertrauen sind immer gut, Haß und Mißtrauen schlecht, Lebendigkeit ist immer begrüßenswert, Erstarrung hingegen nicht.

Das Wort „Leben“, ganz pauschal und nebelhaft eingesetzt, bildet den Kern all dieser formelhaft geleierten Beschwörungen. Mal gilt es, das „lebendige Leben“ forsch „auf Teufel komm raus zu leben“, dann wieder will das lyrische Ich nur ein wenig „unbeschwerter leben“. Das „Leben sollte bunt sein und facettenreich“, man muß „Raum und Zeit ausfüllen / mit intensivem Erleben“ oder sich wenigstens „ins Leben einbringen“.

So viel Sehnsucht nach Leben, so viele leblose Buchstaben…

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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