Schlagwort-Archive: Gedichte

“Wir leben in geheimnislosen Städten” – Durs Grünbeins neuer Gedichtband “Zündkerzen”

Wollen wir einem Dichter das Sprachvertrauen schenken, der solche Reime verfertigt: “…in ihren Booten / Vor den Lofoten.” Einem, der zudem wohnen auf Ikonen reimt, Basar auf Gefahr, Verkehr auf Maschinengewehr?

Nein, wir befinden uns dabei nicht in der satirischen Überlieferung oder in der Nonsens-Tradition. Besagte Reimpaare irritieren auf den ersten Blick umso mehr, als sie von einem der höchstdekorierten Lyriker deutscher Sprache stammen: von Durs Grünbein, dem Träger des Nietzsche-, des Hölderlin- und des Büchner-Preises sowie etlicher anderer Auszeichnungen. Von ihm erwartet man folglich nichts Geringeres als das Außerordentliche.

Besonderes Formbewusstsein

Und tatsächlich finden sich hier viele, viele Texte, die gerade von besonderem Formbewusstsein, metrischer Meisterschaft und Rhythmusgefühl zeugen, wie sie heute längst nicht mehr selbstverständlich sind. Hierzu nur ein einziges, ganz kurzes Beispiel, dem man schon etwas ablauschen kann:

Wir leben in geheimnislosen Städten,
In Straßen ohne Gnade und Grandezza…

Jemandem, der so schreibt, “unterlaufen” vermeintlich schwächere Reime nicht einfach, er setzt sie vielmehr willentlich ein; beispielsweise just, um (im Gedicht “Die Reise nach Jerusalem”) die touristische Banalisierung der heiligen Stätten schmerzlich fühlbar werden zu lassen.

Veröffentlicht unter Literatur | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar