Christos frohe Botschaft von der Verhüllung des Reichstags – Aachener Skizzen-Ausstellung im Vorfeld der Berliner Aktion

Von Bernd Berke

Aachen. Wenn der Künstler Christo ab 17. Juni den Berliner Reichstag verhüllt, werden restlos alle Deutschen glücklich sein. Warum? Christos Gefährtin Jeanne-Claude verriet es gestern in Aachen: 80 Prozent freuen sich, wenn die Hülle aufs Gebäude gelegt wird – und 20 Prozent frohlocken. wenn man sie wieder abzieht.

Christo Javacheff erschien im üblichen Räuberzivil und mit genialisch-wirrem Haarschopf. Der Bulgare, der seit Langem in New York lebt, erinnert ein wenig an „Stadtneurotiker“ Woody Allen.

Gefährtin ist um kein Wort verlegen

Er und seine um kein Wort verlegene Ehefrau (Christo: „Nun laß mich doch auch mal antworten“) kamen jedenfalls ins Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, um eine Ausstellung mit Skizzen sowie Fotografien zu dieser und zu früheren Verhüllungen (Pariser Brücke Pont Neuf, 3100 gelbe bzw. blaue Schirme in Japan und Kalifornien) zu eröffnen. Doch natürlich richtete sich die Neugier der versammelten Presse ausschließlich auf das gigantische Projekt in Berlin. Wie fühlt man sich, so kurz vor der Verwirklichung eines Traums, der nahezu 24 Jahre lang ein bloßes Luftschloß geblieben ist – bis der Bundestag 1994 endlich seine Zustimmung gab? Jeanne-Claude: „Stellen Sie sich vor, Sie wären 24 Jahre lang schwanger gewesen und nun stehe die Geburt endlich bevor.“

Wie sich die Sache mit dem Reichstag optisch und ästhetisch ausnehmen werde? Ja, da sei man selbst sehr gespannt, ließ Christo wissen. Das Vorhaben sei so riesenhaft, daß es eben die Vorstellungskraft übersteige, es habe eine „offene Dimension“. Eben deswegen, soufflierte Jeanne-Claude, nehme man solche Dinge ja in Angriff: „Weil wir sehen wollen, wie es dann wirkt.“ Wie die Deutschen den verhüllten Reichstag wahrnehmen werden, wage er erst recht nicht zu prophezeien: „„Ich bin kein Deutsch.“

Technisch tut man unterdessen alles Menschenmögliche. In zwölf Fabriken werden die Verhüllungs-Materialien gefertigt. Christo legt großen Wert auf die Feststellung, daß jede Firma ihre Vergütung pünktlich erhalte. Hingegen habe er, der keinen Pfennig Steuergeld in Anspruch nehme, zunächst enorme Schulden machen müssen. Wie heißt es doch so schön in der Werbung: Zahlen Sie mit Ihrem guten Namen…

Die vielen Ziffern und die Harmonie

Trotz der Gesamtkosten von rund zehn Millionen DM ist Christo zuversichtlich, am Ende keinen Offenbarungseid leisten zu müssen. Der Finanzierung dient ja nicht zuletzt die Aachener Ausstellung, denn die Skizzen sind – nach Schluß der Schau – käuflich zu erwerben. Interessenten können sich diskret vormerken lassen. Für größere Zeichnungen sind übrigens auch schon mal 200 000 DM fällig.

Mit erwartungsfroh leuchtenden Augen schwelgte Christo in Zahlen und Ziffern: 15 600 Meter Seil werde man zur Befestigung der 110 000 Quadratmeter Spezialstoff um den Reichstag spannen, die Faltentiefe werde etwa einen Meter betragen. Na, und so weiter. Er war kaum zu bremsen.

Und wenn alles getan, alles verhüllt ist? Dann wolle man dafür sorgen, daß es rund um den Reichstag Stunden voller Harmonie geben werde. Freude, schöner Götterfunken !

Christo und Jeanne-Claude: „Der Reichstag und urbane Projekte“. Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen (Wilhelmstraße 18). 6. Mai bis 6. August Di-Fr 11-19 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr, Mi 11-21 Uhr. Katalogbuch 29,80 DM.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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