Eine Schiffsreise als Schule fürs Leben – Michael Ondaatjes Roman „Katzentisch“

Schreiben heißt, sich erinnern. Daran, wie wir wurden, was wir sind. Warum unsere Wünsche verloren gingen und was wir lange verdrängt haben, bis es aus den Tiefen des Vergessens wieder empor steigt und zeigt, dass manches, was wir als Kinder erlebt haben, unser ganzes Leben geprägt hat. Solche privaten Erinnerungen sind noch keine Literatur. Wenn sie sich aber verbinden mit der Fantasie eines Autors, der seine Biografie zur Grundlage eines frei fabulierten Romans machen kann, dann liegt Großes in der Luft.

So ist es bei Michael Ondaatje. Der Autor, der 1943 in Ceylon (heute Sri Lanka) geboren wurde, seine Jugend in England verbrachte und heute im kanadischen Toronto lebt, konnte mit „Der englische Patient“ einen Welterfolg feiern. Mit den folgenden Büchern („Buddy Boldens Blues“, „Anils Geist“, Divisadero“) konnte er nie wieder an diesen hoch dekorierten und genial verfilmten Roman anknüpfen. Auch „Katzentisch“ wird sicherlich kein Weltbestseller werden. Dafür ist der Erzählhorizont vielleicht zu eng und das Personal im wahrsten Sinne des Wortes zu klein. Aber der Roman, in dessen Mittelpunkt drei halbwüchsige Jungen stehen, die zu Beginn der 1950er Jahre eine Schiffsreise von Ceylon nach England machen, ist doch so berührend und klug konstruiert, dass ihm zumindest literarische Aufmerksamkeit und ein Achtungserfolg zuteil werden sollte.

Während das britische Empire zerbröselt und Ceylon sich auf unsichere Zeiten vorbereitet, werden Michael, Cassius und Ramadhin, drei Jungen im Alter von 11, 12 Jahren, von ihren Familien nach England geschickt. Die Jungen, die an Bord des Ozeanriesen „Oronsay“ in einige gefährliche Abenteuer verwickelt und in manche Geheimnisse eingeweiht werden, wissen noch nichts von den politischen Problemen der Welt. Sie sind vom Kapitän im Speisesaal an einen „Katzentisch“ verbannt worden, sind einfach nur neugierig und beobachten das gesellige und für ihre kindlichen Augen oft rätselhafte Treiben an Bord des Schiffes. Ist der elegante Baron in Wahrheit ein Dieb? Wird der Multimillionär seine tödliche Krankheit besiegen? Und was hat es mit dem Gefangenen auf sich, der tagsüber im Bauch des Schiffes eingekerkert ist und nachts schwer bewacht und in Ketten frische Luft schnappen darf?

Musiker und Kartenspieler, Wahrsager und Alltagsphilosophen, Verzweifelte und Liebende, sie alle sind an Bord und vermitteln den Jungen eine neue, verwirrende Sicht auf die Welt. Sie kiffen und trinken Alkohol, sie stromern durch die Maschinenräume, belauschen die Passagiere, werden Zeugen von Tod und Verderben. Ohne dass sie es merken, ist das, was sie in den wenigen Wochen auf offenem Meer erleben, eine Schule fürs Leben, eine Initiation ins Erwachsenendasein. Hinterher wird nichts mehr so sein wie bisher und die Kindheit schon fast vergessen. Und auch, wenn das Trio sich später aus den Augen verliert und sich kaum je wieder trifft, wissen sie, dass ihre gemeinsamen Erlebnisse sie für immer verbunden haben.

Michael, der Junge von einst, ist inzwischen alt geworden und ein bisschen melancholisch. Als Erzähler erinnert er sich in kurzen schlaglichtartigen Sequenzen an einzelne Momente der Reise, versucht, manche Rätsel von damals zu entziffern und will verstehen, warum die Träume der Jugend längst verschüttet sind. Es ist eine Reflexion über bittere Erfahrungen, Verlust und Exil. Aber auch ein märchenhaftes Buch über die Schönheit des Lebens. Wer sich davon nicht verzaubern lässt, war nie wirklich Kind.

Michael Ondaatje: „Katzentisch“. Roman. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hanser Verlag, München. 301 Seiten, 19,90 Euro.

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2 Kommentare zu Eine Schiffsreise als Schule fürs Leben – Michael Ondaatjes Roman „Katzentisch“

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  2. Britta Langhoff sagt:

    Ich habe es noch auf meinem Stapel der ungelesenen Bücher liegen.
    Danke für die schöne Rezension.
    Nun freue ich mich noch einmal mehr auf die Lektüre.

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