Tagesarchive: 29. Juni 2012

Niederlage etc.

Ich muss mir doch noch mal kurz Luft machen, nachdem dieses unselige Spiel Italien – Deutschland halbwegs verdaut ist. Wie Rilke schon schrieb: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“

Nein, kein Wort hier zu Löws Aufstellung und „Taktik“. War da was?

Statt dessen dies:

a) Geradezu bestürzend überflüssig finde ich wohlmeinende Ratschläge von Hobbypädagogen, die einem nun beibringen möchten, wie man mit einer solchen Niederlage umgehen soll. Ach du jemine! Sie wollen, dass man etwas fürs Leben davon hat. Sie haben einen säuselnden Tonfall. Sie blüüüüühn im Glanze ihrer Weisheit. Meinetwegen können wir das auch noch mal singen.

b) Ein weiteres Deutungsmuster elend bemühter Geister besagt, dass durch die deutsche Niederlage eine neuerliches Aufkeimen unguter nationalistischer Tendenzen mit knapper Not verhindert worden sei. Anderfalls wäre womöglich noch mehr geflaggt und gewimpelt worden. Man denke nur! (Anmerkung: Auch mir geht die Sommermärchen-Seligkeit mitunter gehörig auf die Nerven – und besoffen grölende Horden sowieso). Merke: Mit einem solchen Spiel hat sich außer der Endspielteilnahme rein gar nichts erledigt.

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Denkwürdige Vokabeln (8): „Rauchwaren“

Nachdem die nette Ministerin Barbara Steffens im rot-grünen Landeskabinett NRW als erste Großtat der frisch installierten Regierung auserkoren hat, das Gesetz zum Schutze der Nichtraucher auf eine Klingenschärfe von Ao-Gami Stahl (67 Rockwell) zu bringen, bedienen sich Kommentatoren und Chronisten immer häufiger eines Begriffes, der mir, in diesem Sinnzusammenhang benutzt, die Fußnägel hochkrempelt – aber ich bin ja schon im methusalemischen Alter, was die Nutzung sprachlichen Handwerkszeugs angeht. Stets formulieren die Damen und Herren, dass „Rauchwaren“ und deren Hersteller sowie die ultimative Freiheit der Konsumenten im Allgemeinen bekämpft würden oder – falls die Kommentatoren und Chronisten hartleibige Nichtraucher sein sollten – die „Rauchwaren“ und deren Hersteller zwar bekämpft, die Konsumenten aber vor sich selbst geschützt und die unfreiwilligen Mitraucher vor den Konsumenten. Wow!

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Hahne + Horn heute in Herne: Tanz und Neue Musik in den Flottmannhallen

Die Flottmannhallen in Herne bieten heute Abend (Daten siehe unten) ein außergewöhnliches Musik/Tanz-Ereignis an. „Rotlicht“ heißt das Programm der Tänzerin/Choreographin Henrietta Horn und der Komponistin Dorothée Hahne. Was uns dort erwartet ist nicht nur getanzte Neue Musik, wir erleben einen vielschichtigen Dialog, der ebenso die Sinne anspricht wie zum Nachdenken anregt.

Als sei der Tanzboden mit Mikrofonen unterminiert, werden in „Schrittweise“ die Bewegungen der Tänzerin zum Rohmaterial des Klangs. Wie überhaupt bei Dorothée Hahne die Live-Elektronik weniger ein Generator von Tönen als ein verwandelnder Reflektor von Vorgefundenem ist. Das klingt manchmal gruselig, wirkt verstörend, oder es kommt witzig daher.

„Portabel x“ spielt mit der „Tür“ und dem, was tragbar und was nicht mehr tragbar ist. Die Stimmen quietschender, knarzender, knarrender Türen werden gedehnt, gestreckt, gepitcht. Ölen wäre ruinös.

„Kanon“ ist unter dem Aspekt althergebrachter Harmonien vielleicht das „schönste“ Stück des Abends. Dorothée Hahne singt ein Gedicht von Christine Lavant aus „Spindel im Mond“ und zeigt dabei die Nähe von Loop und Kanon.

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