Verblüffend schlüssig – Wie die KI alte Songlisten durchforstet

Hin und wieder erfasst einen die Tonträger-Nostalgie. (Foto: Bernd Berke)

Manchmal bleibt man sich lange treu, ohne sich dem Wandel zu verschließen: So habe ich alte Musikkassetten-Aufnahmen aus den frühen bis späten 1980er Jahren verwahrt und – sofern nicht gleich bei der Aufnahme vom Radio richtig bezeichnet – die Listen Jahrzehnte später präzisiert, was Interpreten und Titel angeht. Mal mit erkennungsdienstlicher Hilfe von Shazam, mal von Google. Jetzt aber die nächste, vielleicht ultimative Stufe: Alles ward anhand einer KI (in diesem Falle: ChatGPT) überprüft.

Diese KI hat, mit erhöhtem „Denkaufwand“, zwischendurch gar eine „Kritische Ausgabe“ meiner Listen (nach den goldenen Regeln philologischen Herausgebens) vorgeschlagen, was mir allerdings zu sehr ins Wissenschaftliche ging. Der korrigierende Abgleich mit alten Daten aus Playlisten (vor allem damalige Sendungen von Alan Bangs) und sonstigen Internet-Quellen hat mir vollauf genügt.

Für diese Arbeit hätte ich gut und (un)gern Monate oder gar Jahre benötigt, die KI hat es binnen Stunden und Tagen erledigt – mit teilweise verblüffend schlüssigen Ergebnissen. Zwischendurch vermeldet „sie“ z. B. lakonisch „113 Internet-Seiten durchsucht“. Nicht ohne reiche Ernte: Songs, an denen ich viele Jahre vergebens herumgerätselt habe, sind nun geklärt. Gut, das ändert mein Leben eigentlich nicht wesentlich, nimmt aber wohl ein paar kleine Erinnerungs-Lücken und Lasten weg.

Es offenbaren sich bei näherer Durchsicht der 52 erhalten gebliebenen Kassetten außerdem (bis hinein in detaillierte Nahansichten) Zeitschichten der eigenen Musik-Vorlieben und damit eines wichtigen Aspekts der Biographie. Wenn man zurückdenkt, kann einem leicht schwindelig werden: In den mittleren 1960er Jahren hat man noch mit dem Spulentonband per Mikrophon vom Radio oder Plattenspieler aufgenommen, die blöden Moderatoren quatschten unfehlbar vor dem Ende der Songs dazwischen. Dennoch war man nur selten rechtzeitig gefasst und hat den Stopp-Knopf meist um Sekunden zu spät gedrückt. Einer wie Alan Bangs hatte freilich Respekt vor den musikalischen Schöpfungen und hat zur rechten Zeit geschwiegen. Dafür heute noch Dank.

Hernach folgte eben der Kassetten-Rekorder. Dann die CD-Sammlung, für die ich meine LP-Kollektion weit unter Wert verscherbelt habe, nicht ahnend, dass Vinyl einmal eine solche Renaissance erleben würde. Bis man dann beim Streaming-Dienst mit Abermillionen Titeln angelangt ist. Da ist nun (fast) alles jederzeit verfügbar – und doch sind die eigenen, hie und da stümperhaft bespielten Kassetten weiterhin von besonderem Wert. Welche Gefühls-Dimension eine eigens zusammengestellte Kassette für eine Angebetete gehabt hat, können heute nur noch ältere Leute (vulgo: „Boomer“) ermessen.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Prosaband „Seitenblicke" (edition offenes feld, 2021), vereinzelt weitere Buchbeiträge, Arbeit für Zeitschriften, diverse Blogs und andere Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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