
Als geheimnisvolles Wasserwesen fotografierte Rogi André 1934 die französische Malerin Jacqueline Lamba, zeitweise Lebensgefährtin von André Breton, der das Motiv mit dem Titel „La Nymphe II“ in seinem berühmten Werk „L’amour fou“ veröffentlichte. Die Nähe zu Symbolismus und Surrealismus ist unverkennbar. Foto: Bibliothèque nationale de France
Sie kamen auf unterschiedlichen Wegen nach Paris und setzten dort in ihrer Arbeit eigene Schwerpunkte. Dennoch verbindet die drei Fotografinnen Gisèle Freund, Rogi André und Madame d’Ora die gemeinsame jüdische Herkunftsgeschichte, ihre Pionierarbeit in der Fotografie und ihre Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus.
Erstmals führt das LVR-Landesmuseum Bonn in der Ausstellung „Fluchtpunkt Paris. Gisèle Freund, Rogi André, Madame d’Ora“ das Werk der drei Künstlerinnen zusammen und eröffnet so neue Perspektiven auf ihr Schaffen und die kulturell spannende Zeit im Paris der Zwanziger und Dreißiger Jahre.

Porträt von Sidonie-Gabrielle Colette (1873–1954), fotografiert von Rogi André. Colette war die Grande Dame der französischen Literatur, die mit ihrem Roman „Gigi“ auch international erfolgreich wurde.
Rogi André (1900-1970) kam schon 1925 als Malereistudentin aus Budapest in die französische Metropole. Sie fand dort zur Fotografie und feierte zunächst mit Aktaufnahmen und ab 1930 mit Porträtfotografien Erfolge. André überlebte die deutsche Besatzung dank einer Pariser Galeristin, die sie vor den Häschern Hitlers versteckte. Nach Kriegsende widmete sie sich verstärkt der Malerei, arbeitete aber weiterhin als Fotografin. André starb verarmt in Paris.
Madame d’Ora (1881-1963), eigentlich Dora Philippine Kallmus, hatte sich nach ihrer Ausbildung bei Hans Makart bereits in ihrer Heimatstadt Wien mit Porträts prominenter Persönlichkeiten wie Gustav Klimt, Arthur Schnitzler und Max Reinhardt einen Namen gemacht. In Paris eröffnete sie 1925 ihr eigenes Atelier und avancierte zu einer gefragten Gesellschafts- und Künstlerfotografin. Vor allem als Modefotografin und mit künstlerischen Aktaufnahmen war sie kommerziell erfolgreich.
Madame d’Ora überlebte den Krieg in Frankreich verborgen; ihre Schwester Anna Malwine wurde deportiert und ermordet. Nach 1945 wandte sie sich den Überlebenden und Geflüchteten in österreichischen Lagern zu, die sie in empathischen Fotos porträtierte. Ab 1949 entstanden ihre eindringlichen Aufnahmen in Pariser Schlachthöfen.

Eines der berühmten Farbporträts Gisèle Freunds des irischen Schriftstellers James Joyce. Die Fotos wurden zu Ikonen. Foto: LVR-Landesmuseum Bonn
Die in Berlin-Schöneberg geborene Gisèle Freund (1908-2000) floh 1933 vor den Nationalsozialisten aus Frankfurt am Main, wo sie u.a. bei Max Horkheimer Solziologie studiert hatte, und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Fotoreportagen in renommierten Medien wie dem Life-Magazin. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh Gisèle Freund 1942 nach Argentinien, arbeitete dort erfolgreich als Fotojournalistin weiter und erlangte nach ihrer Rückkehr in die französische Metropole internationale Anerkennung.
Inszenierte Körper und moderne Zeiten
Rund 300 Fotografien, Glasplattennegative sowie Dokumente, Bücher und historische Kleidungsstücke geben Einblick in das Leben und Schaffen der drei Künstlerinnen. Die Exponate stammen aus Museen und Bibliotheken in Deutschland und Frankreich, darunter die Bibliothèque nationale de France in Paris, das Institut mémoires de l’édition contemporaine (IMEC) bei Caen und das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Aus einem im Frühjahr 2023 erworbenen umfangreichen Konvolut mit Arbeiten von Gisèle Freund präsentiert das LVR-Landesmuseum Bonn nun erstmals ausgewählte Werke.

Ein Abendkleid von Jean Dessès, fotografiert von Madame d’Ora. Foto: Sammlung M-P, Köln © Sammlung M-P /
Madame d’Ora
In vier Themenbereichen – „Bücher und Gesichter“ „Moderne Zeiten“, „Inszenierte Körper“ und „Arbeit am Bild“ – vergegenwärtigt die Ausstellung die fotografischen Positionen von Freund, André und d’Ora. Ihre Porträts führen in die Welt der künstlerischen und literarischen Avantgarde – von Pablo Picasso über Virginia Woolf bis zu Simone de Beauvoir. Auch Bühnenstars wie Josephine Baker und Maurice Chevalier standen vor ihren Kameras. Daneben widmeten sie sich der Mode-, Akt- und Tanzfotografie sowie sozialkritischen Reportagen über die gesellschaftlichen Spannungen ihrer Zeit. Dank neuer Kleinbildkameras gelang es ihnen, für Porträts und Reportagen erstmals spontane Gesichtsausdrücke festzuhalten. Die frühen Farbaufnahmen Gisèle Freunds von James Joyce etwa haben die visuelle Erinnerung an den irischen Autor geprägt.
Neben dem LVR-Landesmuseum Bonn widmet ab dem 20. November auch das Jüdische Museum Frankfurt der Fotografin Gisèle Freund die Ausstellung „OUT OF THE BOX. Gisèle Freund“. Die Schau zeigt bis 25. April 2027 erstmals öffentlich Exponate aus der museumseigenen Sammlung aus dem Nachlass des 2020 verstorbenen Medienwissenschaftlers und Regisseurs Hans Puttnies. Auch für diese Ausstellung erscheint ein Katalog.
Die Bonner Ausstellung mit einem umfangreichen Begleitprogramm ist bis 7. Februar 2027 im LVR-Landesmuseum zu sehen. Im Hirmer Verlag erscheint im Dezember ein Katalog mit 304 Seiten, der für 50 Euro angekündigt ist. Das LVR-Landesmuseum Bonn, Colmantstr. 14-16, 53115 Bonn, ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 11, ermäßigt 7 Euro, Personen bis 18 Jahren haben freien Eintritt. Info: https://www.lvr.de/landesmuseum-bonn/ausstellungen/fluchtpunkt-paris/