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TV-Nostalgie (28): „Der goldene Schuß“ mit Lou van Burg – „Kimme, Korn – ‚ran!“

Hier geht’s um einen Mann, der im Fernsehen der frühen Jahre gleichsam barocke Figur machte. Wohlgenährt, sinnenfroh und schwungvoll unterhielt der Charmeur Lou van Burg, gern auch familiär „Onkel Lou“ oder „Mister Wunnebar“ genannt, die Nation zwischen „Wirtschaftwunder“ und ersten Krisen.

Die mit Abstand erfolgreichste Show des Holländers war von 1964 bis 1967 „Der goldene Schuß“ im ZDF. Was sich heute wohl kein Fernsehmacher außerhalb der Kulturkanäle trauen würde: Vorbild für die Spielidee war der dramatische Apfelschuss aus Schillers „Wilhelm Tell“. Während viele andere deutsche TV-Erfolge ausländische Vorbilder hatten, war „Der goldene Schuß“ ein deutscher Exportschlager.

Fast schon „interaktiv“

Die Regeln der Show waren allerdings teilweise so umständlich, dass Lou van Burg manchmal selbst ins Schlingern geriet. Im Kern ging es um Geschicklichkeitsspiele, etliche Gesangseinlagen (zu denen auch der Showmaster beitrug) und – vor allem – ums möglichst zielsichere Schießen mit der Armbrust.

Für damalige Verhältnisse ziemlich modern: Ausgewählte TV-Zuschauer konnten von daheim Kommandos geben („rechts, links, höher…“), die ein Kameramann so ausführte, dass Millionen am Fernsehgerät die Lage von Kimme, Korn und Zielscheibe genau verfolgen konnten. Ja, es war eine Vorform des „interaktiven“ Fernsehens.

Quote bis zu 72 Prozent

Beim entscheidenden „Goldenen Schuss“, der in diversen Zusammenhängen Eingang in die Alltagssprache gefunden hat, sollte ein Säckchen mit Gold (Wert: immerhin rund 8000 Mark) abgeschossen werden, das am dünnen Faden hing. Da durfte man auch als Kind schon zuschauen – und hat glühend mitgefiebert.

Der Quotenrenner erzielte bis zu 72 Prozent Sehbeteiligung und zog im Gesangs- und Promi-Teil viele Berühmtheiten an. Sogar weltweite Größen wie Grace Kelly und Frank Sinatra traten bei Lou van Burg auf.

Pikantes Liebesleben

Das alles half nichts, als besonders die Boulevardpresse ein paar pikante Details aus „Onkel Lous“ Liebesleben verbreitete. Der Mann war noch verheiratet, lebte aber längst mit einer Freundin, der Sängerin und Schauspielerin Angèle Durand, zusammen. Diese wiederum verriet den Journalisten, Lou van Burg habe eine Affäre mit seiner jungen Assistentin. Die war ihrerseits anderweitig verheiratet, erwartete aber von „Onkel Lou“ bereits ein Kind. Das alles war zu viel für die damaligen Moralvorstellungen. Das ZDF trennte sich im Juli 1967 für neun Jahre von dem populären Entertainer.

Vico Torriani übernahm die Sendung und durfte somit am 25. August 1967 die allererste große Show des am selben Tag eingeschalteten deutschen Farbfernsehens leiten. Mit dem vergleichsweise blassen Torriani lief „Der goldene Schuß“ bis 1970. In den ZDF-Archiven lagern nur noch vier komplette Folgen, alles andere ist verschollen.

Rituale und Redewendungen

Lou van Burg, der joviale Mann von Welt mit dem neckischen Menjoubärtchen, präsentierte später noch die eine oder andere Musiksendung, doch den ganz großen Coup konnte er nicht mehr landen.

Dafür hat uns „Onkel Lou“ (1917-1986) ein paar unvergessliche Rituale und Redewendungen hinterlassen – vom „Schützenfest der Heiterkeit“ über den Wechselgesang mit seinem frohsinnigen Publikum („Hallo Freunde! – „Hallo Lou!“), den Spruch zum Laden der Armbrust („Bitte, Peter, den Bolzen“), das Kommando zum Schuss („Kimme, Korn – ran!“) bis hin zu den freudigen Ausrufen „Wunnebar!“ und „Der Kandidat hat 100 Punkte!“

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Vorherige Beiträge zur Reihe:

“Tatort” mit “Schimanski” (1), “Monaco Franze” (2), “Einer wird gewinnen” (3), “Raumpatrouille” (4), “Liebling Kreuzberg” (5), “Der Kommissar” (6), “Beat Club” (7), “Mit Schirm, Charme und Melone” (8), “Bonanza” (9), “Fury” (10), Loriot (11), “Kir Royal” (12), “Stahlnetz” (13), “Kojak” (14), “Was bin ich?” (15), Dieter Hildebrandt (16), “Wünsch Dir was” (17), Ernst Huberty (18), Werner Höfers “Frühschoppen” (19), Peter Frankenfeld (20), “Columbo” (21), “Ein Herz und eine Seele” (22), Dieter Kürten in “Das aktuelle Sportstudio” (23), “Der große Bellheim” (24), “Am laufenden Band” mit Rudi Carrell (25), “Dalli Dalli” mit Hans Rosenthal (26), „Auf der Flucht“ (27)

„Man braucht zum Neuen, das überall an einem zerrt, viele alte Gegengewichte.” (Elias Canetti)Read the rest

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Hossa und der tiefere Sinn – Das Buch „Schlager, die wir nie vergessen“ deutet populäres Sangesgut

Von Bernd Berke

Peter Kraus zählte zu den zaghaften Vorboten sexueller Freizügigkeit. Freddy Quinn („Junge, komm bald wieder“) formulierte, wie später nur noch Heintje („Mama“), in wenigen Zeilen die geballten Müttersorgen der Nation. Drafi Deutscher („Marmor, Stein und Eisen bricht“) stand – im Vorfeld des rebellischen Jahres 1968 – für wachsende Aufruhrstimmung. Daß sich aus prägnanten Liedern Zeitgeist pur destillieren läßt, erfährt man in dem neuen Buch „Schlager, die wir nie vergessen“. Keine Schande, wenn man beim Lesen mitsummt.

Nicht weniger als 34 Autoren, darunter Koryphäen wie Eckhard Henscheid, Robert Gernhardt und Brigitte Kronauer, machen sich – in zumeist erhellenden Kurzbeiträgen – über 57 Interpreten und deren markanteste Titel her. Die tönende Chronik der Republik beginnt mit Rudi Schurickes Schmachtfetzen „Capri-Fischer“ (Version von 1946) und reicht bis zu den Gruppen „Ideal“ und „Trio“ (ihr Singsang „Da da da“ wird als Ausdruck unbekümmerter Postmoderne gedeutet) sowie Herbert Grönemeyers „Männer“-Song von 1984.

Wer sich nur lustig machen will…

Es zeigt sich, daß ironischer Umgang mit dem Thema zwar ratsam ist, daß aber jene Autoren die ergiebigsten Beiträge liefern, die den Schlager bis zu einem gewissen Punkt halbwegs ernst nehmen. Wer sich von vornherein nur lustig machen oder kulturkritisch dozieren will, kann diesen Massenprodukten auch nicht ablauschen, was in ihnen steckt. Selbst hinter einem unscheinbaren Ausruf wie „Hossa“ (Rex Gildo in „Fiesta Mexicana“) verbirgt sich ja zuweilen tragisches Geschick.

Gelegentlich wird allzu weit ausgeholt: Johannes John nennt „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews (1976) einen Nachläufer der Anakreontik (idyllisch-erotische „Schäferlyrik“) des Rokoko, ja, er schlägt noch einen Haken zum mittelalterlichen Dichter Hartmann von Aue und dessen Wortschöpfung vom „Verligen“, das die Hauptbeschäftigung amourös reger Faulpelze präzis bezeichnete. In der waghalsig erreichten Zielkurve heißt es schließlich, Drews habe mit seinem Lied die alte Burschenherrlichkeit bedient und neckisches „Verbal-Petting“ betrieben. Nun ja.

Sozialpädagogisches Anliegen

Da leuchtet es schon eher ein, wenn Gus Backus („Da sprach der alte Häuptling der Indianer“, 1961) als typische Figur der Amerikanisierung und zugleich als deren bubenhafter Parodist herauspräpariert wird. Nachvollziehbar auch, daß Juliane Werding („Am Tag, als Conny Gramer starb“, 1972) dem Schlager mit „sozialpädagogischem Anliegen“ jene Bresche schlug, in die dann auch Gitte oder Udo Jürgens springen konnten. Ganz naheliegend ist es gar, das Schaffen von Nicole („Ein bißchen Frieden“, 1982) im Zusammenhang der damals erstarkten Friedensbewegung gegen die NATO-Nachrüstung zu betrachten.

Wenn der Erfolg einer Daliah Lavi („Willst du mit mir gehn?“) auch mit dem Willen zur Wiedergutmachung an den Juden erklärt wird, spürt man ein gewisses Unbehagen – vielleicht deshalb, weil etwas „dran“ ist? Freilich: Wencke Myhres „Beiß nicht gleich in jeden Apfel“, das just 1966 zu Beginn der Großen Koalition zwischen CDU und SPD herauskam, als heimliche Warnung vor dem „Sozialismus“ zu interpretieren, erfordert Phantasie. Und wer hätte gedacht, daß Peter Alexander mit „Hier ist ein Mensch“ (1970) die Fackel der ursprünglich linken Utopie vom aufrechten Gang der Gattung weiter getragen hat?

Vico Torrianis kleine Ferkelei

Eine Hoch-Zeit des deutschsprachigen Schlägers waren natürlich die 50er Jahre. Damals wurde den Wirtschaftswunder-Deutschen jede Spielart von Fernweh und Exotik angedient. Caterina Valente sang beispielsweise 1957 „Wo meine Sonne scheint“, und wenn man dem Autor Dieter Bartetzko glaubt, so lenkte der Text – die historische Stunde erkennend – ungute deutsche Eroberungs-Gelüste ganz geschickt in sozialverträgliche Reiselust um.

Wie auch in der Reklame, so traten sexuelle Rollenklischees im Schlager der 50er klar zutage. Zudem war auch das populäre Sangesgut ausgesprochen prüde und verdruckst. Desto größer die Freude nachfraglichen Enthüllens: Peter von Matt stellt klar, daß es in Vico Torrianis so harmlos klingendem „Kalkutta liegt am Ganges“ letztlich nur „um das Eine“ gegangen sei, gleichsam hinter vorgehaltener Hand sei gar von einer Erektion die verschämte Rede gewesen. Doch die kleine Ferkelei verbarg sich hinter Jux-Wortspielen. Auf ähnliche Weise entsteht übrigens auch große Dichtung.

„Schlager, die wir nie vergessen“. Verlag Reclam Leipzig. 292 Seiten. 19 DM.

 

 

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