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Ist das noch die Rundschau? Ein erster Blick ins neue Mischprodukt…

Sie haben es getan. Sie haben es tatsächlich getan. Nach wie vor prangt oben rechts auf der Titelseite der Frakturschriftzug „GeneralAnzeiger – Zeitung für Dortmund“.

Vor mir liegt die erste Dortmunder Ausgabe der nur noch so genannten „Westfälischen Rundschau“ (WR), die ohne eigene Redaktion entstanden ist. Diesen Klon aus WAZ (Mantelteil) und Ruhr-Nachrichten (Lokalteil) mit der historischen Bezeichnung „GeneralAnzeiger“ zu schmücken, der eben nur speziell auf die bisherige WR bezogen werden kann, das ist dreiste Geschichtsklitterung.

Der traditionelle Schriftzug ziert immer noch die Titelseite...

Der traditionelle Schriftzug ziert immer noch die Titelseite…

Aber schauen wir uns die bislang beispiellose Blattmixtur einmal etwas näher an. Hierbei geht es nicht um die journalistische Qualität einzelner Artikel, sondern eher um die generelle Anmutung des Produkts.

Offenbar gab es die diskrete Anweisung, in dieser ersten Zombie-Ausgabe Dortmunder Themen auch im Mantelteil in den Vordergrund zu stellen, um die Leser(innen) in dieser Stadt vorerst zu beruhigen. Sport-Aufmacher ist ein großflächiges Interview mit BVB-Geschäftsführer Watzke, dessen Verein sich noch immer nicht zum Dortmunder Zeitungsschwund geäußert hat. Für die Regionalseite (Seite 3) ist Andreas Böhme (früher WR, jetzt WAZ-Reporter) nach Dortmund gefahren, um einen Mordprozess zu beobachten.

Mal sehen, wie die Stadt künftig im überregionalen Teil vorkommt. Prognose: Die Schwerpunkte im Mantel werden sich tendenziell weiter in die Mitte und den Westen des Ruhrgebiets verlagern, also in die Kernlande der WAZ und somit ganz weit weg von der südwestfälischen Leserschaft.

Geradezu grotesk wird es heute auf der Seite „Hören & Sehen“ (Medien). Da feiert David Schraven, Chef des WAZ-Recherchepools, diese Eigenlob-Geschichte groß ab, die wie ein Hohn wirken muss: „WR-Reporter Newcomer des Jahres“. Preisträger Daniel Drepper (wieso er als WR-Reporter firmiert, erschließt sich nicht) habe hartnäckig Hintergründe zur deutschen Sportförderung recherchiert. Clou nebenbei: Die im Verlauf dieser Recherche bizarrerweise erforderlichen 13000 Euro zur Akteneinsicht beim Bundesinnenministerium hatten seinerzeit WAZ-Gruppe sowie die Gewerkschaften DJV und DJU gemeinsam aufgebracht; just jene beiden Arbeitnehmer-Organisationen also, die nun seit Wochen gegen die Schließung der Rundschau-Redaktion durch die WAZ-Gruppe zu Felde ziehen; so auch heute mit einer weiteren Demo in Dortmund.

Apropos: Wie soll man die WR jetzt eigentlich nennen? Etwa „Absteiger des Jahres“? Ach, wer wollte da nicht zynisch werden?

Doch weiter im Text: Das Impressum des Mantelteils ist – erst einmal gleich geblieben. Auch die seit Freitag „freigestellten“ Rundschau-Leute stehen noch drin. Mag sein, dass es dafür rechtliche Gründe gibt, aber die müssen ziemlich kompliziert sein… Auf jeden Fall hilft es, den abrupten Übergang zu kaschieren.

Nun aber zum Dortmunder Lokalteil, der ja jetzt von den Ruhr-Nachrichten geliefert wird. Es gibt da heute so herrliche technische Möglichkeiten, das gesamte Tagesschaffen einer Redaktion ins Layout einer anderen Zeitung einfließen zu lassen – wenn man das Ganze von langer Hand vorbereitet hat.

Ein knapper Hinweis, dass sich am Lokalteil etwas geändert hat

Ein knapper Hinweis, dass sich am Lokalteil etwas geändert hat

Für den Lokalteil übernimmt die WR nun das komplette Impressum der Ruhr-Nachrichten. Doch nur ein paar dürre Zeilen auf Lokalseite eins kündigen an, dass in Dortmund ab sofort „das Medienhaus Lensing“ Lokal- und Lokalsportseiten für die WR zuliefere. „Medienhaus Lensing“ heißt natürlich im Klartext Ruhr-Nachrichten, aber das wäre für manche WR-Leser vielleicht ein Reizwort. Also vermeidet man es tunlichst.

Nun. Nichts gegen die Journalisten der Ruhr-Nachrichten. Auch sie verstehen ihr Handwerk. Sie sollen halt die Ruhr-Nachrichten machen. Doch es wäre für alle gut gewesen, wenn die Rundschau-Leute weiter die Rundschau gemacht hätten.

Auf den flüchtigen ersten Blick sieht alles äußerlich weitestgehend nach Rundschau aus. Überschriften, Spaltenbreite, Layout. Man wird jedoch erleben, wie Serien, Rubriken oder sonstige Eigenheiten und Sichtweisen der Rundschau fehlen werden. Man sieht jetzt lauter Autorennamen durchs Blatt geistern, die den WR-Lesern bislang unbekannt waren. Statt dessen werden sie vielleicht andere, altvertraute Namen vermissen. Es wird sich bald erweisen, ob solche Namen nur Schall und Rauch sind oder ob das Publikum eben doch merkt, dass ihm da etwas anderes untergejubelt wird. Auch inhaltlich werden die RN-Kollegen sicherlich andere Schwerpunkte setzen.

RN-Kolumnist Bruno Knust ist nun auch WR-Kolumnist.

RN-Kolumnist Bruno Knust ist nun auch WR-Kolumnist.

Seit Jahren hat der Dortmunder Komiker Bruno Knust bei den Ruhr-Nachrichten seine “Günna”-Kolumne. Heute wird er den Rundschau-Abonnenten als Zugewinn verkauft, ja geradezu eingehämmert: „Neuer Kolumnist der WR“ – „…jetzt jeden Samstag in Ihrer WR“. Nicht komisch. Gar nicht komisch.

Das alles sind ja noch Kleinigkeiten. Doch wehe, wenn in der Stadt demnächst (politische) Konflikte entstehen, die bislang von zwei Zeitungen aus mehreren, manchmal gegenläufigen Blickwinkeln geschildert werden konnten. Finden dann manche Positionen nur noch wenig Gehör oder gar kein Forum mehr? Immerhin betreiben die Ruhrbarone seit gestern einen Dortmunder Lokalableger ihres Blogs. Ruhrbarone-Chef Stefan Laurin stellt sich übrigens ausgesprochen gut mit der WAZ-Gruppe. Der “Süddeutschen Zeitung” sagte er jetzt: “Man kann der WAZ-Gruppe nicht unterstellen, dass sie die Leser für dumm verkaufen will. Das ist eher ein Bild des allgemeinen Zeitungssterbens: Der Branche geht es furchtbar! Die WAZ versucht, ein Werbeumfeld zu erhalten, das ist legitim.”

Noch einmal zurück zur anfangs beschworenen Historie der Rundschau: Es wäre dringend zu wünschen, dass im Chaos der letzten Wochen jemand daran gedacht hat, die alten WR-Zeitungsbände (ab 1946) aus dem Archivkeller am Brüderweg zu retten – beispielsweise, um sie dem Dortmunder Institut für Zeitungsforschung zu überreichen. Es ist eine schreckliche Vorstellung, dass sie demnächst vielleicht in einem Baucontainer versenkt werden.

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Nachtrag am 5. Februar: Und so hat sich das WR-Impressum vom 4. Februar (rechts) auf den 5. Februar (links) geändert

WR-Impressum am 5. Februar (links) und am 4. Februar (rechts)

WR-Impressum am 5. Februar (links) und am 4. Februar (rechts)

Geschrieben von

Bis 2009 langjähriger Kulturredakteur bei der Westfälischen Rundschau (Dortmund), ab 1998 als Ressortleiter. 2007-2010 Autor beim Kulturblog Westropolis. Jetzt hier. Und anderswo. Und überhaupt.

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8 Antworten zu "Ist das noch die Rundschau? Ein erster Blick ins neue Mischprodukt…"

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  3. Moki sagt:

    Die WR wird den Dortmunder Lokalteil von der RN schätzungsweise nicht kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen. Ich schätze mal, der bisherige Mitbewerber lässt sich das in irgendeiner Art und Weise zu seinem Vorteil vergüten. Hat da schonmal jemand die Frage aufgeworfen, ob die freien Mitarbeiter der RN nun wenigstens besser honoriert werden, weil ihre Artikel nun quasi eine höhere Auflage erzielen bzw. in zwei Zeitungen erscheinen? Falls das Thema schonmal irgendwo angeschnitten wurde, würde ich mich über einen Link freuen.

  4. Bernd Berke sagt:

    @Moki: Die Frage nach erhöhten Honoraren ist in Foren wie medienmoral-nrw.de verschiedentlich aufgeworfen worden, aber nur im Vorübergehen und im resignativen Bewusstsein, dass es eine solche Erhöhung schwerlich geben wird.
    So berechtigt der Anspruch einerseits sein mag, so hätte ich doch ein sehr ungutes Gefühl dabei: Rund 300 Menschen verlieren ihre Jobs – und dafür werden anderen ein paar Cent mehr bezahlt?

  5. Michaela sagt:

    “Offenbar gab es die diskrete Anweisung, in dieser ersten Zombie-Ausgabe Dortmunder Themen auch im Mantelteil in den Vordergrund zu stellen, um die Leser(innen) in dieser Stadt vorerst zu beruhigen.”
    Ich fürchte, es ist nicht zur Beruhigung gedacht, sondern damit es dem größten Teil der Leserschaft, der wahrscheinlich gar nicht mitbekommen hat, was vor sich ging, auch jetzt nicht auffällt.

    “„Medienhaus Lensing“ heißt natürlich im Klartext Ruhr-Nachrichten, aber das wäre für manche WR-Leser vielleicht ein Reizwort.”
    Ja, für manche vielleicht – den meisten wird es leider egal sein. Hauptsache , der “vertraute Charakter” bleibt. OK, das ist rein optisch und damit Augenwischerei. Fällt aber doch nicht auf, oder? (s. o.)

  6. Bernd Berke sagt:

    @Michaela: Natürlich gibt es auch dumpfe Abonnenten, denen man unter dem Label WR so ziemlich alles vorsetzen kann. Doch es steht zu hoffen, dass dies eine Minderheit ist.
    Zum “vertrauten Charakter” gehört ja mehr als nur das Layoutschema (da hie und da auch schon durchbrochen wird).

  7. Michaela sagt:

    @Bernd: Bist du da nicht ein bisschen zu optimistisch? Ich weiß, es hat (zu Recht) große Aufregung um diese ungeheuerlichen Vorgänge gegeben – aber handelte es sich da nicht um einen kleinen, “speziellen” Kreis von Menschen? Das Gros der Leser, fürchte ich, hat gar nix mitgekriegt.

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