Vor 60 Jahren spielten die Beatles erstmals in Hamburg – für betrunkene Seeleute und „leichte Mädchen“

Rund vier Jahre nach Jahre den Hamburger Anfängen: die Beatles (von links: George Harrison, Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr) am 3. Juni 1964 in Australien. Sie tragen Mützen mit dem Logo einer Security-Firma. (Wikimedia Commons / © WilleeM / Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

Gastautor Thomas Häußner, Jahrgang 1959, Leiter des Echter Verlags in Würzburg und seit seiner Kindheit großer Beatles-Fans, über die ersten Karriereschritte der „Fab Four“ vor genau 60 Jahren in Hamburg:

  1. August 1960 – Fünf junge Männer steigen aus einem alten, grünen Van, der sie von Liverpool nach Hamburg auf die Reeperbahn gebracht hat. Der älteste ist gerade einmal 20 Jahre alt, der jüngste ist erst 17 und dürfte noch gar nicht in Deutschland arbeiten. Am Abend geben sie ihr erstes Konzert unter dem Namen „The Beatles“.

Noch konnte niemand ahnen, dass gut zwei Jahre später drei von ihnen in der „greatest little Rock´n Roll Band“, wie John Lennon „The Beatles“ einmal selbstironisch nannte, die Musikwelt für fast ein Jahrzehnt dominieren würden. Ihr Weg dorthin war hart und die Auftritte in Hamburg waren die Schule, die sie geformt hat. Rund 800 Stunden stehen sie dort zwischen 1960 und 1962 auf verschiedenen Bühnen, zuletzt im legendären Star Club, Große Freiheit Nr. 39. Doch ihr erster Weg führt sie in einen Club namens Indra, wo sie vor gelangweilten, angetrunkenen Seeleuten und „leichten Mädchen“ 48 Nächte hintereinander spielen. Ihr Vertrag sieht eine Gage von 30 DM pro Kopf und Auftritt vor. Das Geld ist schnell ausgegeben für Essen, Trinken oder neues Musikequipment.

Erster Hamburger Auftrittsort der Beatles: Club Indra, Große Freiheit – hier eine Aufnahme vom August 2007. (Wikimedia Commons / © Raymond Arritt – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Ein Kabuff hinter der Kinoleinwand

Ihre Unterkunft passt sich ihrem wenig ermutigenden ersten Auftrittsort an. Es ist noch nicht das Hotel Pacific, in dem sie bei ihrem letzten Gastspiel im Dezember 1962 untergebracht sind. Gleich beim Indra um die Ecke lag das Bambi, ein Kino. Dort hausen sie hinter der Kinoleinwand in einem kleinen Raum ohne Fenster, in dem es nach getragener Wäsche, kaltem Rauch und Essensresten stinkt. Ihre Wäsche wird ihnen von der Mutter Horst Faschers, des Mitbegründers des Star Club, gewaschen. „Tante Rosa“, die Toilettenfrau des Bambi Kinos, von den Beatles „Mutti“ genannt, umsorgt und versorgt sie, wohl auch mit dem Aufputschmittel Preludin. Zum Essen geht es in die umliegenden Kneipen, in denen die Musiker anschreiben lassen konnten, wenn das Geld knapp war. Manche dieser Rechnungen wurden nie bezahlt. Als Paul McCartney 1989 wieder einmal in Hamburg war, hat er endlich in der Bierkneipe „Gretel und Alfons“ die 180 DM Schulden beglichen, die die Band aus ihrer Frühzeit dort noch hatte.

Image-Werbung mit Unterhose und Klobrille

Wer aus Liverpool kommt, findet sich auch auf dem Hamburger Kiez zurecht. Besonders John Lennon scheut nicht davor zurück, sich mit außergewöhnlichen Aktionen in Szene zu setzen. So wirbt er nur mit langer Unterhose und Sonnenbrille bekleidet auf der Straße für den abendlichen Auftritt der Beatles, kommt auch schon einmal mit einer Klobrille um den Hals auf die Bühne gestolpert. Die fünf Liverpooler behaupten sich. Sie üben neue Songs ein, versuchen sich an eigenen Kompositionen oder treffen sich mit Mitgliedern anderer Bands.

So entwickeln sich die Beatles schnell weiter und wechseln im Oktober 1960 vom Indra in den Kaiserkeller, wo sie 58 Auftritte hatten. Dort wird die – am 12. Mai 2020 verstorbene – Fotografin Astrid Kirchherr auf sie aufmerksam und verliebt sich in den damaligen Bassisten der Band, Stuart Sutcliff. Sie überredet ihn, sich die Haare nach vorn in die Stirn und über die Ohren zu kämmen: Die Pilzköpfe, ein späteres Markenzeichen und Anlass für Spott und Entrüstung, waren geschaffen.

Vom Star Club zur Queen

Im November 1960 wird George Harrison aus Deutschland ausgewiesen, weil er noch nicht volljährig ist, Paul McCartney und Pete Best müssen ihm im Dezember folgen, weil sie in ihrer Unterkunft ein Feuerchen entzündet haben. Damit ist das Gastspiel der Liverpooler Band in Hamburg erst  einmal beendet. Doch am 27. März 1961 kommen sie zurück. Jetzt spielen sie im Top Ten Club und später dann im Star Club, der am 13. April 1962 eröffnet wurde. Bis zu seiner Schließung im Dezember 1969 traten dort andere namhafte Künstler wie Fats Domino, Chuck Berry, Jimi Hendrix oder Ray Charles auf. Am Montag, 31. Dezember 1962, geben die Beatles dort ihr letztes Konzert.

In den kommenden Jahren werden Clubs zu klein für ihre Auftritte sein. Schon ein Jahr später spielen die Beatles im Rahmen der alljährlichen Royal Variety Performance vor Königin Elizabeth, Lord Snowden und Prinzessin Margaret im Londoner Prince of Wales Theatre.

60 Jahre nach dem ersten Auftritt der Beatles in Hamburg gibt es das Indra wieder und noch immer wird dort Musik aufgelegt oder live gespielt. Der Kaiserkeller heißt heute „Große Freiheit 36“ und ist der älteste und größte Club Hamburgs. Der Star Club wurde 1986 abgerissen.

 

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