Vor 60 Jahren hieß „Steamboat Willie“ schon Mickey Mouse

Vor 60 Jahren erschien zum ersten Mal eines dieser bunten Heftchen, das viele in Europa – besonders aber viele in Bundesdeutschland fesselte, das die Erwachsenenwelt erschauern ließ, weil der kleine Held erstens wie sein Schöpfer aus den Vereinigten Staaten stammte (gegen die hatten wir doch den Krieg verloren) und zweitens die deutsche Sprache der alsbaldigen Ausrottung preisgab: war das, was das Heftchen verbreitete, doch ein comic strip. Mickey Mouse war allerdings nicht aufzuhalten, nicht einmal durch die ausdauernden Bajuwaren, die noch 1961 vor den schulischen Pforten Tornister-Visitationen anordneten, dass dergleichen Schund nicht in die heeren Hallen höherer Lehranstalten mitgeführt werde.

Nun fällt es sicher auch nach Ablauf von sechs Jahrzehnten manchen nicht leicht, dem Mickey-Mouse-Heft einen eigenen Kulturstatus zu verleihen, doch Kultstatus hat sich dieses Medium auf jeden Fall redlich erarbeitet – und der geradezu verwüstende Niedergang der deutschen Sprachkultur ist sicher anderenorts verantwortlich zu suchen, kaum aber dem bunten Heftchen anzuheften.

Ich gestehe im übrigen reinen Herzens, dass mir jede Enthaltsamkeit gegenüber dem als „Steamboat Willie“ im Jahre 1928 geborenen Helden Mickey Mouse, Donald Duck, dem reichen Dagobert, den fieselschweifenden Neffen Tick, Trick und Track und den vielen anderen Charakteren fern lag. Noch in den eigenen 40er Lebensjahren nutzte ich einen Aufenthalt in Florida, um feuchten Auges vor dem Haus zu verharren, das Mickey dort in Olando bewohnte. Ehrlich gesagt, ich war einige Tage später ähnlich stark berührt, als ich Thomas Alva Edisons Villa an den Golfküste den Sunshine States besuchte.

Mein Verhältnis zur Sprache hat nur geringen Schaden genommen, obwohl ich die Nase schon recht früh unter anderem in diese lappigen Druckwerke versenkte. Auch das Alltags-Sprachvermögen hat wenig Einbußen verzeichnen müssen, weil in den Sprechblasen Merkwürdigkeiten zu lesen waren wie „mmpf“ oder „groll“. Der bunte Kult hat einfach nur Spaß verbreitet, was im Laufe der Jahre immer seltener wurde, wenn Dinge aus den Vereinigten Staaten nach good old europe kamen.

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4 Kommentare zu Vor 60 Jahren hieß „Steamboat Willie“ schon Mickey Mouse

  1. Rudi Bernhardt sagt:

    Hallo zusammen, ich ziehe nur so für mich an Fazit daraus. Kultur muss die Summe aller menschlichen Lebnsäußerungen sein, womit sonst wäre die enorme Lebensfähigkeit solcher und anderer Heftchen zu erklären.

  2. Michaela sagt:

    Las aber selbst keine Comics – übersetzte sie nur.

  3. Bernd Berke sagt:

    Ich durfte das auch nicht kaufen. Statt dessen gab’s die kreuzbraven „Rasselbande“-Heftchen mit Pfadfinder-Appeal. Dabei gehörte die Übersetzerin Erika Fuchs doch zu den großen Sprachschöpferinnen der Nachkriegszeit.

  4. Michaela sagt:

    Schund! Jawoll! Genau so titulierte meine Mutter nicht nur Micky-Maus-, sondern sämtliche so genannten „Heftchen“. Und sie kamen ihr tunlichst nicht über die Schwelle. Was ihren Reiz nur erhöhte: Sobald wir bei anderen Kindern zu Besuch waren, die Heftchen besaßen, verkrochen mein Bruder und ich uns mit diesen in einer Ecke und verschlangen alles, dessen wir dort habhaft werden konnten. Ich liebte allerdings vor allem Bessy. Wuff!

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