Alltag in der Diktatur: „Ich wünsche Klärung der Kellerfrage“

Oktober 1942, also vor 70 Jahren, in einer Kleinstadt am Rande des Ruhrgebietes. Der Krieg ist noch nicht in der Heimat angekommen, aber man bereitet sich darauf vor. Eine kleine, fast absurde Begebenheit aus dem Alltag einer Diktatur soll hier erzählt werden.

Einrichtung eines Luftschutzkellers. (Foto: Anti-Kriegs-Museum)

Weil die Nazi-Führung Bombenangriffe erwartete, wurde die Bevölkerung schon vor Kriegsbeginn auf Luftschutzmaßnahmen, Bunkerbau, Verdunkelung usw. eingestimmt. Später gab es dazu konkrete Vorschriften, unter anderem zur Einrichtung von Luftschutzräumen in privaten Kellern. Diese Keller waren für die Menschen aber als Vorratsräume viel wichtiger als heute, und entsprechend entstanden an vielen Orten Konflikte.

In unserem Fall geht es um eine „Frau Witwe Adolf Wagner“ in der Adolf-Hitler-Straße 56. Sie schreibt an die Gemeindeverwaltung, dass sie ihren Keller als Luftschutzraum eingerichtet habe, aber nun als Ersatz einen anderen Keller brauche. Ihr Mieter Erich Dicker, der habe doch zwei Keller, aber der wolle einen davon nicht abgeben. „Ich wünsche Klärung der Kellerfrage“, schreibt sie an das Amt.

Und vom Amt rückt ein Mann aus in die Adolf-Hitler-Straße und besichtigt den so umstrittenen Keller. Dass der Mieter seinen Keller nicht herausrückt, das sei nun völlig unverständlich, schreibt der Beamte ins Protokoll. „Herr Dicker ist vorzuladen.“ So geschehen, der Mann kommt also eine Woche später persönlich ins Rathaus und erklärt, er habe doch seit 15 Jahren die beiden Keller in Besitz und lehne deshalb die Abgabe eines Raumes ab. Also wurde ihm nun von Amts wegen ein Raum entzogen – die schwierige Kellerfrage war geklärt.

Alltag in der Diktatur – er war oft so banal.

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Über Hans Hermann Pöpsel

Historiker und Germanist. Pensionierter Redakteur
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