Meilensteine der Popmusik (23): The Kinks

„Was ist unser Leben eigentlich noch wert? Eine Zweiraumwohnung im zweiten Stock, kein Einkommen, und draußen versucht der Vermieter reinzukommen, um die fällige Miete einzutreiben. Wir sind eindeutig zweitklassig – Menschen, die in der Sackkasse leben, und dort auch sterben werden…“ (Auszug aus „Dead End Street“).

Ray Davies beobachtete seine Umgebung genau. Während die Songs der aufkommenden Protestwelle den Generationenkonflikt thematisierten, politische Auseinandersetzungen und Kriege anprangerten, ja bisweilen sogar den Weltuntergang beschworen, trieb sich Ray Davies in der Nachbarschaft herum. „Otto Normalverbraucher“ lieferte Davies die Themen für seine zumeist bissigen, sozialkritischen Songs.

Er war eindeutig der Kopf der Kinks (engl. kinky „schrullig“, „ausgeflippt“), neben den Beatles, den Rolling Stones und The Who eine der erfolgreichsten Vertreter der „British Invasion“, wie die US-Amerikaner damals die Beatwelle aus Großbritannien nannten. Als die Kinks 1963 im Norden von London zusammenkamen war auch schon Dave, der jüngere Bruder von Ray Davies, mit von der Partie. Beide kann man auch unter „schwierige Charaktere“ einordnen, ihr kompliziertes Verhältnis sollte die ganze Bandgeschichte mit beeinflussen. Doch erst einmal ließen sie es krachen. Ihre dritte Single brachte den Durchbruch und wird von den Rockwissenschaftlern als die Sternstunde des Hard Rock gefeiert: Bei „You really got me“ mit dem markanten Gitarrenriff, hält sich bis heute hartnäckig das Gerücht, dass der Studiomusiker Jimmy Page damals den Strom aus der Gitarre ließ… Jahre später erhob Page mit seiner Band Led Zeppelin den Hard Rock zur weltweiten Glaubensgemeinschaft. Doch das ist eine andere Geschichte.

Ray Davies indes wurde langsam zum Kultautor, zu einem der besten Songwriter seiner Zeit. Aber er war auch ein „Schwieriger“, wie sein Bruder. Ein Streit auf offener Bühne führte zur Eskalation während einer US-Tour. Da auch die dortige Bühnengewerkschaft involviert war, gab es erst einmal ein vierjähriges Auftrittverbot in den USA. Damit war die Karriere in den Staaten erst einmal erledigt. Aber auch im aufkommenden Wettbewerb um die erfolgreichsten Konzeptalben konnten die Kinks seltsamerweise nicht besonders punkten.

Mitentscheidend für den, im Vergleich zu anderen „Supergruppen“, begrenzten wirtschaftlichen Erfolg, waren wohl die eher unscheinbare Gesamtperformance der Gruppe, und die ständigen, internen Dissonanzen. Relativ häufig wechselte die Besatzung, nur die Brüder blieben. Als sich 1970 mit „Lola“ der größte kommerzielle Erfolg einstellte, wendete sich manch´ langjähriger Fan ab – nur kurzfristig, denn über die Jahrzehnte hielt sich der exzellente Ruf dieser Band.

Ob nun Punker oder Britpoper, sie alle respektierten the Kinks als stilprägend. Von den Brüdern Gallagher (Oasis) bis Wolfgang Niedecken (BAP) – auch bei prominenten Musikern gibt es bis heute genug Verehrer des genialen Songschreibers Ray Davies; so wie es Davies selbst in einem seiner Songs ausdrückte: „a well respected man“.

Ray Davies‘ Beobachtungen in der Nachbarschaft machten auch vor der Verwandtschaft nicht halt. Für viele der wohl schönste Song der Kinks ist die lyrische Rockballade „Waterloo Sunset“ aus dem Jahr 1967. Als Hauptpersonen agierten seine Schwester Julie und  sein Neffe Terry, die sich jeden Abend am Bahnhof Waterloo Station trafen. Sie spielten damals nur im Kopf des Dichters ein Paar, das im Sonnenuntergang, in den Menschenströmen der Rushhour, gemeinsam vom Auswandern in die neue Welt träumte. Eine Analogie, die Ray Davies für sich selbst auch immer in Anspruch nahm: den Traum vom Aufbruch in eine vermeintlich bessere Welt.

THE KINKS on dailymotion

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Die vorherigen “Meilensteine”:

Peter Gabriel (1), Creedence Clearwater Revival (2), Elton John (3), The Mamas and the Papas (4), Jim Croce (5), Foreigner (6), Santana (7), Dire Straits (8), Rod Stewart (9), Pink Floyd (10), Earth, Wind & Fire (11), Joe Cocker (12), U 2 (13), Aretha Franklin (14), Rolling Stones (15), Queen (16), Diana Ross (17), Neil Diamond (18), Fleetwood Mac (19), Simon & Garfunkel (20), Bruce Springsteen (21), ABBA (22)

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8 Kommentare zu Meilensteine der Popmusik (23): The Kinks

  1. Michaela sagt:

    Also, ich, ne, ich wäre ja dringend für Willy DeVille!

  2. Britta Langhoff sagt:

    Falls datt getz hier zum Wunschkonzert wird: Ich würd mich ja über REM freuen !

  3. Klaus Schürholz sagt:

    hömma, hamm wa getz Wunschkonzert hiaa?
    Na ja….ich will ma nich so sein…;-)

  4. Rudi Bernhardt sagt:

    Small Faces, oh ja, bitte.

  5. Klaus Schürholz sagt:

    Hans Hermann, diese Überzeugung kann ich durchaus teilen.

  6. Hans Hermann Pöpsel sagt:

    Ich bin ja sehr überzeugt, dass Adele jetzt schon ein Meilenstein der Popmusik ist, egal was noch kommen mag.

  7. Klaus schütholzu sagt:

    „vornehm hinterm Berg“ finde ich eine passende Charakterisierung für mich…;-) aber ich bin ja auch noch jung, und es gibt noch soviele Dinos neben den vielen, etwas jüngeren, aber nicht minder wichtigen Einflüssen auf die populäre Musik der letzten (fast) 60 Jahre. Die Begrifflichkeit „Popmusik“ (nicht nur Rockmusik) ist deswegen auch bewusst gewählt. Nichts desto trotz ist Deine kurze Liste eine enorm anspruchsvolle. Davon wird sicherlich noch einiges aufscheinen – wie gesagt: ich bin ja noch jung….

  8. Bernd Berke sagt:

    Mir fällt auf, dass du mit einigen der ganz Großen, ja auch mit den nach meiner bescheidenen Meinung Allergrößten (Dylan, Beatles, Stones, Who, Doors, Hendrix, Neil Young, Velvet Underground et al.) noch vornehm hinter dem Berg hältst – vielleicht wegen des künftigen Steigerungs-Effektes? Oder weil diese legendären Gestalten den Rahmen sprengen würden? Mit den Kinks bist du allerdings schon auf dem Olymp angelangt.

    Wenn ich für die nähere Zukunft einen Wunsch – außer den obigen – äußern darf: Small Faces. Yeah!

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