Alltagsnicken (4): Kleiner Mann auf großem Rad

Es kam mir dieser Tage unversehens in den Sinn, weil ein Freund seinen Namen erwähnte: „Du hast ihn schon lange nicht mehr gesehen, lebt er eigentlich noch?“ Also begann ich herumzufragen, telefonierte, wenn ich Zeit hatte und versuchte, bei Bekannten und Freunden Näheres über seinen Verbleib zu erfahren.

Was ich da erfuhr, war wirklich sehr erfreulich. Erstens, er ist noch am Leben, zweitens, er hält mit Hilfe fürsorglicher Umgebung die Kehle trocken, was ihm – wie man hört – sehr gut tut und drittens ist er mit inzwischen 78 Jahren natürlich nicht mehr gar so mobil, so dass ein Umzug in einen anderen Stadtteil schon mal dafür sorgt, dass er frühere Plätze etwas vernachlässigt. „Schön“, freue ich mich. Da hat etwas, da hat jemand nach wie vor Bestand.

Denn wir liefen uns ständig in den vergangenen Jahrzehnten über den Weg. Mal saß er bei Großveranstaltungen auf dem Gepäckträger eines Fahrrades, dessen Pedale von einem stadtbekannten Juristen ehrgeizig getreten wurden, so dass das Fahrzeug über die Strecke eines Jux-Rennens bewegt wurde, mal tapste er sichtbar unsicher (weil vermutlich weinselig) durch die Fußgängerzone, mal radelte er auf einem viel zu großen Rad durch die Straßen und kaufte ein, was er so benötigte, mal saß er traumverloren auf einer Bank, blinzelte in die Sonne und hing Erinnerungen nach.

Ach ja, ich sollte noch erwähnen, wer das ist, dessen kleiner Körper – so um die 1,65 Meter hoch – mir seit Jahrzehnten stets auffällt, wer sich so bunt bekleidet, dass er gesehen werden muss und wessen vorwitzige Augen unter dem Schirm seines grellen Basecaps hervor blinzeln. Die Rede ist von Brian Casser, der 1936 in Liverpool zur Welt kam, der eine kurze Zeit aus seinem zerbrechlichen Körper derart viel Musik herausholte, dass er und seine Band fast am Weltruhm kratzten, dessen unterschiedliche Formationen auch schon mal Eric Clapton beherbergten, der eine Zeitlang in der „Maigret“-Serie nahe am TV-Star war. Brian Casser, das ist der bürgerliche Name von Casey Jones, „The Governors“ nannte sich die Band und „Don’t Ha Ha“ war der bekannteste Hit der Truppe, die zu Zeiten ihres Glanzes die „Beatles“ leichter Hand überglänzte, was auch nicht schwierig war, weil die „Beatles“ ihren Glanz noch vor sich hatten.

Wie gesagt, die Zeit währte nur kurz, der kleine Casey lebte groß und intensiv, genoss alles, was er als Genuss empfand und wurde immer mal wieder vom trunkenen Kopf auf trockene Füße gestellt. Irgendwann landete er in Hessen, später folgte er einem Freund und Manager nach Unna und mengte sich ins Stadtbild ein. Kaum jemand erkannte ihn auf der Straße, kaum jemand erinnerte sich, dass das Männlein auf dem großen Fahrrad einmal ein ganz Großer des Beat war. Nur eine fröhlich Clique um den stadtbekannten Juristen, der selbst auch schon ewige Zeiten ein stadtbekannter Musiker ist, gab Casey Jones (es ist übrigens ganz bewusst der Name der Lokomotivführer-Legende aus nordamerikanischen Westernzeiten) gebührende Aufmerksamkeit. Weil sie alle zu würdigen wussten, wer er ist und was er war gab es auch niemanden, der sich über ihn lustig machte, lieber waren sie allesamt miteinander lustig.

Brian „Casey“ Casser wird hoffentlich – sobald es wieder warm wird – in der Stadt zu sehen sein. Ich tippe mal, dass er sein Fahrrad nicht mehr zu ausgedehnten Ausflügen nutzen, lieber zu Fuß gehen wird. Aber farbwechselnd gekleidet wird er sein, wenn er mit greller Kappe auf dem schütter behaarten Kopf in die Sonne blinzelt und der alten Tage gedenkt.

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4 Kommentare zu Alltagsnicken (4): Kleiner Mann auf großem Rad

  1. Klaus Olli Olbrich sagt:

    Hallo, aus dem Rheinland.
    Kenne Brian aus der wilden Rock and Roll Zeit gut, durfte sogar einmal in seiner Band aushelfen als Drummer, das war so Ende der 60er.
    Würde ihn gerne mal kontaktieren, hoffe er lebt noch. Bin selbst jetzt 71 !
    Ich bin immer noch aktiv und liebe seine Songs sehr.
    Meine Band heißt big city oldstars. Wir haben einige alte Rocker in der Band, zusammen haben wir mit 4 Bandmitgliedern fast 270 Jahre auf dem Puckel. Wenn wir auftreten, wackeln die Wände.
    Kann mir einer Kontaktdaten von Brian geben?
    Gruß Olli

  2. Detlef Mühlberg sagt:

    Ja Ja, der Casey oder aber Brian. Es freut mich ungemein, dass es ihm gut geht, hat er meinen Freunden und mir doch tolle „musikalische Stunden“ bereitet. Dafür beide Daumen hoch und Danke. Besonders erinnere ich mich noch an zwei Titel (jeweisl B-Seite als saugeile Blues-Stücke. Ich glaube „So long, Baby“ und „Friday was the day she said goodbye“. Zweiter Titel spielte damals (Ende der 60er) in Essen-Frohnhausen für mich eine grosse private Rolle und hatte persönliche Bezüge. Ja, so ist das nun mal. Heute lebe ich in Rostock und wäre glücklich, diese beiden Songs irgendwie auf meinen Rechner zu bekommen!!! Vielleicht gibt es ja Hilfe, von wem auch immer……….
    detlefmuehlberg@gmx.de

  3. Bernd Berke sagt:

    Man lernt nie aus: Dass Casey Jones in Unna lebt, war mir tatsächlich noch nicht bekannt. Ein blinder Fleck, sozusagen. In Dortmund haben wir aus jener Zeit Chris Andrews („Yesterday Man“) zu bieten. Nun ja…

    Und zu den WDR-„Radiokraten“, die Klaus erwähnt: Die haben es ja auch fertiggebracht, die unvergleichliche Sendung von Alan Bangs einzustampfen. Sie war ihnen wohl nicht „hip“ genug.

  4. Klaus Schürholz sagt:

    Welch´schöne Erinnerung, Rudi!
    Bei „the Governors“ spielte auch Dave Colman mit, der später als DJ im WDR2 („Radiothek“, „Dave Colman Show“) bekannt wurde….immer dienstags mit Soul. Die Sendung gab´s leider nur 7 Jahre (bis 1980), und wurde dann unter lautstarkem (!!!) Protest eingestellt. Ein historischer Fehler der Radiokraten, wie man im Nachhinein feststellen musste. Erst 12 Jahre später bequemte sich die Tante WDR mit „1live“ mal wieder an die Jugend zu denken…

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