Enzensberger rät: „Nur keine Panik!“

Er ist der Tausendsassa unter den deutschen Schriftstellern. Er ist Lyriker und Herausgeber, Erzähler und Zeitschriftengründer: Wenn man Hans Magnus Enzensberger auf eine Position festnageln will, hat er sie garantiert schon wieder verlassen und ist aufgebrochen zu neuen intellektuellen Ufern.

Den Marxismus benutzt er als Baukasten, die Mathematik als Denkmodell. Jetzt beruft sich der inzwischen 82-jährige Autor, der immer schon ein Faible für Diderot und die französischen Aufklärer hatte, auf Michel de Montaigne. Schon der Ahnherr des Essays wusste, dass man große Themen auch auf wenigen Zeilen abhandeln kann.

„Gründlichkeit ist nicht meine Stärke“, witzelt Enzensberger und entwirft ein Panoptikum kultureller Kuriositäten und politischer Abnormitäten. In seinen „Zwanzig Zehn-Minuten-Essays“ geht es mal um die „Tücken der Transparenz“, mal um das „köstliche Unbehagen an der Kultur“. Alexander von Humboldt wird als Kronzeuge im „Stammeskrieg zwischen Macht und Intelligenz“ herbeizitiert, und selbst die Frage „Muss Sex sein sein, und wenn ja, wie?“ wird vom ironischen Flaneur augenzwinkernd umkreist.

Ob Geheimdienste, ob Rentenangst: Enzensberger hat auf alles einen unkonventionellen Zugriff. Weil er weiß, dass kein System ohne Chaos und keine Diktatur ohne Nischen denkbar ist, nimmt er uns auch die Angst vor der digitalen Überwachung: „Nur keine Panik! Auch in Zukunft wird jeder, der es nicht lassen kann, relativ unbeachtet, sorglos und analog essen und trinken, lieben und hassen, schlafen und lesen können.“

H. M. Enzensberger: „Enzensbergers Panoptikum. Zehn Zwanzig-Minuten-Essays.“ Suhrkamp, Berlin, 141 S., 14 Euro.

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