Komm nach Hagen…

„Komm nach Hagen, werde Popstar“, so hieß vor langer Zeit ein knackiger Song von „Extrabreit“ – und danach eine in Westfalen oft zitierte „Spiegel“-Schlagzeile Anfang 1982. Damals machte die „Neue Deutsche Welle“ (NDW) etlichen Wind – erstaunlicherweise vor allem von Hagen aus. Diese Geschichte darf nun auf gehörig gehobenem Niveau-Plateau ergänzt werden. Demnach könnte es jetzt heißen: „Komm nach Hagen, sei ein Kunstfreund.“ Oder bleibe es…

Am 28. und 29. August wird in der sonst meist nicht allzu aufregenden und schon gar nicht glamourösen Stadt ein „Kunstquartier“ eröffnet, das im Lande seinesgleichen sucht und zu einer Bastion der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 werden kann.

Neue Rangfolge im Land

Gewiss: Köln und Düsseldorf bleiben die vorherrschenden Metropolen der musealen Szene in NRW. Doch dann kämen schon Bonn, Münster, Duisburg – und künftig vielleicht Hagen. Dortmund wird sich höllisch anstrengen müssen, um mit seinem Ex-Brauereiturm „U“ (wo auch das bisherige Ostwall-Museum einzieht) wieder halbwegs zum südlichen Nachbarn aufzuschließen.

Das altehrwürdige Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Museum (rühriger Direktor: Tayfun Belgin; Schwerpunkt: Expressionismus) ist gründlich restauriert und erweitert worden, u. a. um eine Kinder- und Jugend-Abteilung. Das allein wäre schon Anlass zur Freude. Doch es kommt endlich, endlich ein singulärer Anziehungspunkt hinzu, nämlich das neue Emil-Schumacher-Museum.

Im Nachhinein mutet es noch grotesker an, dass in der (allerdings hoch verschuldeten) Stadt derart viele – teilweise dumpfe – Vorbehalte gegen dieses Projekt hochgekocht sind. Solche Querelen sind hoffentlich für immer ausgestanden. Viel nachhaltiger kann man rund 26 Millionen Euro nämlich kaum anlegen. Die Investition wird sich für Hagen auch touristisch auszahlen. Fehlt freilich noch ein vernünftiger Ankaufsetat fürs Osthaus-Museum…

Einige Wochen vor der Eröffnung hatte ich jetzt Gelegenheit zum ausgiebigen Rundgang durch beide Häuser. Zwar steht und hängt noch nicht alles an seinem Platz, zwar arbeiten an allen Ecken noch Handwerker, doch kann man bereits sagen, dass hier Großes entstanden ist.

Im neuen Haupteingangs-Foyer wird man sich bald entscheiden dürfen, ob man sich nach rechts (Osthaus-Museum mit Alt- und Anbau) oder nach links (Schumacher-Museum) wendet. Fürwahr kein leichter Entschluss. Man sollte halt beides nicht versäumen und am besten wiederkommen. Die Kombikarte kostet übrigens moderate 6 Euro.

Die Bühne ist bereitet

Begeben wir uns zunächst nach links. Das imposante Treppenhaus lässt es schon ahnen: Hier wird dem weltberühmten Hagener Maler Emil Schumacher (1912-1999) eine Bühne bereitet, die wohl weltweit unvergleichlich ist. Vor allem der weitläufige Oberlicht-Saal, in dem Schumachers fulminante Großformate prangen, nimmt einem schier den Atem. Man sollte sich dieses Erlebnis am besten für zuletzt aufheben. Die Farbe – hier wird sie eruptives Ereignis! Da schwelgt man in ungeahnten Kräften von Rot, Gelb, Blau. Bilder wie „Palmarum“ und „Pinatubo“ wirken nahezu wie vulkanische Naturschöpfungen.

Bevor man diesen Gipfel erklimmt, ist man behutsam didaktisch zu Schumachers Werk-Essenzen hingeführt worden. Ganz unten ist sein Atelier weitgehend getreulich nachgebaut, dazu läuft ein Film, so dass man sich eine Vorstellung von seiner zuweilen heftigen gestischen Arbeitsweise machen kann. Gelegentlich wurde gar die schiere Wut produktiv. Zutiefst unzufrieden mit einem Bild, ist Emil Schumacher der Leinwand zornig mit dem Hammer zuleibe gegangen – und siehe da: Die Einschläge bildeten ganz eigentümliche Formen, aus denen sich etwas gewinnen ließ. Eine ganze Reihe von „Hammerbildern“ folgte…

Alexander Klar, wissenschaftlicher Leiter des Schumacher-Museums, will den Besuchern die „Angst“ vor abstrakter Kunst nehmen. Abstraktion und Figürlichkeit seien bei Schumacher beileibe kein Widerspruch, sondern zwei Aspekte derselben Ur-Sache. Eins greift ins andere über, es wogt aus gleichem Antrieb hin und her. Man kennt das auch von anderen großen Künstlern, von Picasso bis hin zu Gerhard Richter.

Es lässt sich anschaulich verfolgen, wie bestimmte Motive bei Schumacher (Brückenbögen, Vogelschwärme, Pferde) hernach in vermeintlich abstrakten Fügungen wiederkehren. Die subtile Hängung ermöglicht immer wieder Zwiesprachen der Bilder über Blickachsen hinweg. Man kann auch weniger bekannte Serien entdecken, wie etwa die Moscheen-Bilder, die Schumacher 1988 im Irak mit genialischem Strich „hingeworfen“ hatte. Die meditativen Umrisse wirken wie eine letzte Zuflucht vor all dem drohenden Kriegsgetöse.

Das neue Haus, das von der Emil-Schumacher-Stiftung getragen wird, schmiegt sich ans Osthaus-Museum und wirkt doch als sichtbar eigenständiger, gläsern transparenter Baukörper. Gründungsdirektor ist Emil Schumachers Sohn: Ulrich Schumacher war von 1976 bis 2002 Museumschef in Bottrop. Keiner kennt das Werk Emil Schumachers mitsamt den lebensweltlichen Hintergründen so gut wie er.

Das Ausstellungsprogramm wird sich künftig natürlich in erster Linie um Emil Schumachers reichhaltiges Schaffen ranken. Bereits der eigene Fundus reicht für viele, immer wieder neue Perspektiven aufs Werk. Doch auch Querverweise auf andere, womöglich in irgendeiner Art „verwandte“ – oder aufschlussreich gegenläufige – Künstler sind eine Aufgabe schon für die nähere Zukunft. Ab Mai 2010 werden beispielsweise Bilder von Albert Oehlen zu sehen sein.

Geist des Ortes

Spezieller Vorzug in Hagen: Hier waltete seit Karl Ernst Osthaus’ Zeiten ein zuweilen recht reger künstlerischer Geist des Ortes, der freilich immer wieder von kulturfernen und sogar kulturfeindlichen Strömungen konterkariert wurde. Jedenfalls werden hier nicht einfach beliebige Künstler und ihre Werke präsentiert, sondern vor allem auch solche, die mit und in der Stadt innig zu schaffen hatten.

Der große Anreger und Mäzen Osthaus hatte sich hier niedergelassen und 1902 das Folkwang Museum gegründet, mit dem die Stadt vorübergehend ein Zentrum der Moderne wurde. Doch die Hagener ließen die bedeutenden Sammlungen ziehen. Nach Osthaus’ Tod (1921) verkauften dessen Erben die Kunstschätze eilig an die Stadt Essen, wo höhere Erlöse lockten. Ein unwiederbringlicher Verlust, der bis heute schmerzt. Und doch: Vielleicht hat die einstige Präsenz der Kunst ja insgeheim doch nachgewirkt?

Bevor wir gar zu esoterisch spekulieren, fahren wir fort und stellen nüchtern fest: Der gebürtige Hagener Emil Schumacher lebte und wirkte zeitlebens von hier aus – und hier schrieb ein weiterer großer Sohn der Stadt, ein Lyriker von hohem Rang: Ernst Meister (1911-1979), der auch sehr respektabel gemalt und gezeichnet hat (davon soll es nun regelmäßig Proben im Osthaus-Museum geben).

Eine von Birgit Schulte betreute Osthaus-Sonderausstellung ist jetzt zudem Christian Rohlfs gewidmet, der gleichfalls in Hagen gearbeitet hat und 1938 hier gestorben ist. Eine umfangreiche Schenkung hat die ohnehin schon beachtlichen Hagener Rohlfs-Bestände in jüngster Zeit auf über 500 Arbeiten anwachsen lassen.

Als wäre all das noch nicht genug an Ortsbezügen, hat eine Gegenwarts-Künstlerin das Haus zur hauptsächlichen Wirkungsstätte erkoren: Die 1943 geborene Sigrid Sigurdsson erweitert hier stetig und unermüdlich ihr ungemein vielfältiges Archiv unter dem Titel „Vor der Stille – Ein kollektives Gedächtnis“. Das eigentümliche Amalgam aus zeitgeschichtlichen und persönlichen Erinnerungs-Stücken füllt – in Folianten und Schaukästen dargeboten – einen großen, würdevoll dunklen Saal des Museums. Last und Ernst des Erinnerns scheinen zu überwiegen, doch wer Zeit mitbringt und sich ins Einzelne versenkt, wird auch ganz andere Facetten ans Licht holen.

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INFOS:

Adresse des Kunstquartiers: Museumsplatz 1 (für Navigationsgeräte die frühere Anschrift: Hochstraße 73) in 58095 Hagen. Für auswärtige Besucher der Stadt empfiehlt sich außerdem das Jugendstil-Ensemble Hohenhof (Stirnband 10, 58093 Hagen).

INTERNET

Ausführliche Informationen über Eröffnung, Anfahrt, Preise, Ausstellungsvorhaben etc. auf folgenden Internet-Seiten:

http://www.osthausmuseum.de

http://www.kunstquartier-hagen.de

http://www.esmh.de

Foto (Bernd Berke): Ulrich Schumacher vor einem Bild seines Vaters Emil Schumacher

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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