Wer ohne Sünde ist…

Die meisten Kunstausstellungen vergleichen in erster Linie Bild mit Bild, ja sozusagen Pinselstrich mit Pinselstrich. Einige aber setzen ausdrücklich Bild und Wirklichkeit miteinander in Beziehung. Zu dieser anregenden Sorte gehört jetzt auch „Freiheit – Macht – Pracht“ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum.

Hier wird niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts („Goldenes Zeitalter“) vornehmlich als Ausdruck der damaligen Politik, Wirtschaft, Religion und Gesellschaft verstanden. Daraus ergeben sich vielfach erhellende Ansichten.

Katalog und/oder Führung sind diesmal besonders ratsam: Denn erst wenn man die Hintergründe kennt, sieht man die Bilder mit anderen Augen. Bei all dem sollte man jedoch ihre Eigenständigkeit, ihren Eigen-Sinn zu schätzen wissen. Übers Dokumentarische hinaus bergen sie ja einen gehörigen künstlerischen „Überschuss“.

Die konfliktreiche Spaltung in nördliche (dauerhaft protestantische) und südliche (katholische) Niederlande (*** siehe Fußnote) ist eine Grundtatsache, die selbstverständlich auch die Künste geprägt und in verschiedene Richtungen gedrängt hat. Beispielsweise dieser direkte Kontrast in Wuppertal: Zwei Darstellungen andächtiger Frauen machen den Unterschied sinnfällig. Ein Gemälde aus dem Süden (Jacob van Oost d. Ä.) zeigt eine Betende vor dem Kruzifix (also vor einem gemachten Bildnis), im Norden (Cornelis Bisschop) ist die alte Dame hingegen völlig in sich gekehrt. Sie hat sich von allen äußeren Bildern abgewandt. Arg zugespitzt gesagt: Katholiken neigten zu schwelgend barocker, gern auch dramatisierter Bildlichkeit, Protestanten hielten es eher mit dem Wort.

Schon aus den bloßen Bildthemen lässt sich ersehen, womit im 17. Jahrhundert besonders profitabel gewirtschaftet wurde. In den Niederlanden waren dies vor allem Schiffbau, Fischfang sowie lukrativer Fernhandel und – daraus erwachsend – ein aufblühendes Finanzwesen. Hatte man zuvor etwa Händler mit Waagen und Bargeld gezeigt, so sind jetzt auch schon mal (vergleichsweise abstrakte) Wechsel oder sonstige Wertpapiere auf Bildern zu sehen.

Auch Tulpen-Zwiebeln wurden als Luxusgut kunstwürdig, die Spekulationen und der plötzliche Wertverfall lösten seinerzeit die Mutter aller Börsenkrisen aus. Basierend auf wirtschaftlichen Erfolgen, entfaltete sich gleichwohl ein neues Nationalgefühl. Dieses wiederum wird sichtbar in der weitgehend naturgetreuen Darstellung heimischer Gegenden. Vormals hatte man sich vor allem an italienischen Ideallandschaften orientiert.

Selbst mythologische Themen haben zuweilen ganz handfeste aktuelle Hintergründe. So reihen sich auf dem Bild „Neptun mit den Gaben des Meeres“ (um 1650/55, gemalt von Erasmus Quellinus II und Peter Boel) die reichlichen Früchte und Schätze aus dem Wasser als üppige Girlande aneinander. Dennoch schaut der Meeresgott missmutig und bedrückt drein. Warum? Weil just zu jener Zeit eine kriegerische Seeblockade den Genuss des maritimen Reichtums schmälerte. Die Klage über diese Blockade ist mithin das eigentliche Thema des Bildes. Und wenn Arent de Gelder um 1684 die im Exil lebende Jüdin Esther malt, die sich im Perserreich entschlossen für ihr Volk eingesetzt hat, so ist insgeheim (für den kundigen, gebildeten Zeitgenossen freilich überdeutlich) gemeint, auch der Protestant möge im Konflikt mit Katholiken standhaft bleiben.

Portraits entstehen gleichfalls nicht von ungefähr, sondern auftragsgemäß mit mehr oder minder verhüllten Absichten. Es geht vornehmlich um Repräsentanz, um Machtansprüche. So ließen sich damals zu Wohlstand gelange Bürger ganzfigurig malen – ein Zeichen der Dominanz, wie es bis dahin nur dem Adel zukam.

Pralle Genreszenen und Typenparodien aus dem bäuerlichen Leben (Suff, Spielsucht und Faulheit als Dauervorwürfe), aus Wirtshäusern und Bordellen dienen einerseits der ergötzlichen Unterhaltung, andererseits erheben sich die betrachtenden Bürger über solche moralischen Abgründe. Mögliches (bigottes) Motto der Distanzierung: „Gut dass w i r nicht so sündhaft sind.“ Flankierend finden sich Bilder wie Joost Cornelisz Droochsloots „Das Armenhaus in Utrecht“ (1654), die gleichsam das Loblied der bescheidenen, anständigen Armut anstimmen. Mittellosigkeit, so die protestantische Auffassung der Zeit, war keine Schande, sie war nämlich göttlich vorherbestimmt (prädestiniert). Man musste sie daher demütig annehmen und sollte nicht aufbegehren. Einmal darf man raten, wessen Interesse ein solcher Armutsbegriff entgegenkam.

Die historische Entwicklung der Liebesbeziehungen ist ein Kapitel für sich. Ehedem gab es das Konzept der „Romantischen Liebe“ noch nicht, es herrschte bei Eheschließungen dynastisch oder wirtschaftlich motivierter Pragmatismus. Auf Thomas de Keysers Gemälde „Bildnis einer holländischen Familie“ (um 1624) hält indes der betuchte Gatte zärtlich die Hand seiner Frau, die Kinder gruppieren sich dekorativ um das Paar – ein frühes Anzeichen fürs Aufkommen der später vorherrschenden Kleinfamilie.

Man ahnt: Das Sein bestimmte das Bewusstsein, auch im Maleratelier. Die Wuppertaler Schau erschöpft sich allerdings keineswegs in der Illustration materieller Bedingungen. Es sind grandiose Meisterstücke zu sehen – von Peter Paul Rubens bis van Dyck, von Ruysdael bis Jan Brueghel, Pieter de Hooch bis Jacob Jordaens und Gerard ter Borch bis Jan Steen.

Stupend die handwerklich großartige Feinmalerei des Trompe-l’oeil („Augentäuschung“), die ihre Gipfelpunkte im Stilleben erreicht und vom gewachsenen Selbstbewusstsein der Künstler sowie (indirekt) von einem kennerhaften Publikum zeugt, das derlei Finessen zu würdigen wusste. Früchte erscheinen da so überaus lebensecht gemalt, dass man schier hineinbeißen möchte, gemaltes Papier scheint leise zu rascheln. Die dargestellten Dinge bedeuten längst nicht nur sich selbst, sondern weisen über sich hinaus. Oft genug sind es Sinnbilder der Vergänglichkeit alles Irdischen.

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Daten/Fakten:

„Freiheit Macht Pracht – Niederländische Kunst im 17. Jahrhundert“. Noch bis zum 23. August im Von der Heydt-Museum, 42103 Wuppertal, Turmhof 8. Geöffnet Di bis So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr. Führungen Sa 15 / So 12.30 und 15 Uhr, Themenführungen Do 18 Uhr (Info/Anmeldung 0202/563-6231). Katalog 25 €. Internet:

http://www.von-der-heydt-museum.de

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*** Ausführliche Darstellung der historischen Voraussetzungen im Ausstellungskatalog, z. B. ab Seite 77: Der südliche Teil des Landes (heute Belgien) blieb nach dem Aufstand gegen den spanische Herrschaft („Achtzigjähriger Krieg“) unter spanischer Verwaltung, der Norden (heutige Niederlande) wurde zur Republik.

Die zehn Provinzen des Südens („Union von Arras“) waren durch spanischen Einfluss überwiegend katholisch geprägt, die sieben Provinzen des Nordens („Union von Utrecht“, heutige Niederlande mit der Provinz Holland, 1648 im Westfälischen Frieden zu Münster als Staat anerkannt) bekannten sich zum Protestantismus.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt. Und künftig erst recht.
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