Junger Westen: Rückkehr der 50er Jahre

Recklinghausen. Man kann es sich denken: Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte allseits Nachholbedarf. Beileibe nicht nur in materieller, sondern auch in geistiger Hinsicht. Der Mensch lebt eben nicht vom Brot allein. Vor dem Horizont dieser Zeitstimmung bildete sich 1948 im Ruhrgebiet eine folgenreiche Künstlergruppe: der „junge westen”.

Jetzt, runde 60 Jahre danach, kommt die Gruppe an ihrem Gründungsort Recklinghausen wieder zu Ehren. Noch heute gibt es zur Erinnerung den renommierten Kunstpreis „junger westen”. Führende Köpfe dieses Künstlerkreises waren der Hagener Emil Schumacher, Thomas Grochowiak, Gustav Deppe, Heinrich Siepmann und Hans Werdehausen. Namen, die (mit Ausnahme von Schumacher) heute nicht mehr ganz so geläufig sind.

Von regionalen
Industrie-Motiven
zur Abstraktion

Die Gruppe wurzelte im Expressionismus und richtete sich bewusst regional aus. Anfangs griffen die Künstler häufig Motive aus der Ruhrgebiets-Industrie auf, wie etwa Thomas Grochowiak mit „Der Fördermaschinist” (1950). Erkennbare Gestalt, doch kein platter Eins-zu-eins-Realismus, sondern aufs Wesentliche zielend.

Doch alsbald machte sich (zuweilen heiß und polemisch umstritten) der Zug zur Abstraktion bemerkbar. Er ging in verschiedene Richtungen, mal eher geometrisch (konstruktiv), mal mehr emotional (gestisch) gewendet. Viele Wege führen durch Fläche und Farbe. Jedenfalls hat sich seinerzeit die abstrakte Formensprache spätestens mit der documenta 1959 durchgesetzt. Überdies passt Abstraktion bestens zu den aktuellen Trends auf dem heutigen Kunstmarkt. Zufall oder glückliche Fügung?

Recklinghausens Kunsthallen-Chef Ferdinand Ullrich ist überzeugt: „Die 50er Jahre kommen wieder!” Selbst manche Nierentische und Tulpenlampen seien grandiose Schöpfungen gewesen; erst recht die Kunst jener Zeit, die sich oft dem Alltag näherte – und zwar keineswegs subversiv, sondern gleichsam hilfsbereit: Man sieht es deutlich anhand einer Mappe mit Tapetenmuster-Entwürfen des „jungen westens” für eine Wuppertaler Firma. Phantasie-Girlanden im Stil der Zeit für die heimischen Wände. Das hatte ‚was! Später gab es gar „informelle” (also von spontanen Impulsen gesteuerte) Entwürfe für Spielplatzmobiliar wie etwa Kinderrutschen. Gut denkbar, dass die Umsetzung an Sicherheitsbedenken gescheitert ist.

Alltagsnähe in
der Tradition
des Bauhauses

Hinter all dem stand die Idee eines „Neuen Bauhauses”, das in großer Tradition Kunst und Leben versöhnen sollte. Zeitweise gab es Pläne, dieses „Bauhaus” an der Werkkunstschule in Dortmund anzusiedeln. Leider hat sich dieses Projekt zerschlagen. Wer weiß, was daraus hätte wachsen können.

Recklinghausen zeigt rund 80 ausgewählte Werke von 16 Künstlern, Kurator ist der stellvertretende Kunsthallen-Chef Hans-Jürgen Schwalm. Nicht nur der „junge westen” selbst ist vertreten, sondern auch Gäste, die damals an ihren Ausstellungen teilgenommen haben: HAP Grieshaber, Fritz Winter, Hubert Berke, Georg Meistermann, Hann Trier und der ungemein dynamische K. O. Götz, der (weit über die „Provinz” hinaus) in Paris Furore machte.

Lauter starke Positionen also, deren Originalität jetzt noch wirkt. Die meisten Bilder dürften selbst Skeptiker mit der Abstraktion versöhnen. Die ist hier nämlich kein Freibrief für Beliebigkeit, sondern bringt Formen verbindlich auf den Begriff. Zudem erlaubt die Schau Entdeckungen. Etwa diese: Vor seinen Farbräuschen hat Emil Schumacher Bilder wie „Der Herd” geschaffen; ein wahrhaft ausdrucksvolles Geräte-„Porträt” aus dem Küchenbezirk.

Fazit: Auf solch anregende Weise darf ein Hauch der 50er Jahre gern wieder wehen.

INFOS:

Ein Mentor und „Geburtshelfer” der Gruppe „junger westen” war Franz Große Perdekamp, erster Direktor der Kunsthalle Recklinghausen.

Ort der ersten Ausstellung im Vorfeld der Gruppenbildung war 1947 die Lebensmittel-Etage des Kaufhauses Althoff (Recklinghausen).

Ausstellungsdaten: Bis 28. September, Kunsthalle Recklinghausen (Bunker am Hauptbahnhof). Geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Eine kleinere Auswahl zum „jungen westen” wird auch in Dortmund zu sehen sein – mit Werken von Gustav Deppe, Ernst Hermanns und Heinrich Siepmann: 3. September bis 24. Oktober im RWE Tower (Freistuhl 7). Mo-Fr 9-17 Uhr.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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