„Lonely Hearts Killers“: Schwarzes Loch in der Seele

Ray ist ein kleiner Gauner, der einsamen Frauen das Ersparte abschwatzt. Der Heiratsschwindler hätte so halbseiden und ölig weitermachen können, wenn er nicht eines Tages Martha getroffen hätte.

Sie verwandelt sein Leben in einen blutigen Thriller. Todd Robinsons Film „Lonely Hearts Killers“ (etwa: „Mörder der einsamen Herzen“) kommt entschieden stilisiert daher – vom buckligen Auto bis zur kargen, schnoddrigen Sprache im Retro-Design gehalten. Es geht denn auch um wahre US-Kriminalfälle aus den späten 1940ern, genauer: um eine grausame Mordserie an allein lebenden Damen, die per Inserat zärtlichen Anschluss gesucht hatten. Das war ihr Verhängnis, denn sie gerieten an den Gigolo Ray (Jared Leto) und seine angebliche Schwester Martha (Salma Hayek).
Ray hat auch Martha abzocken wollen.

Doch diese Frau, die ebenfalls auf eine seiner Lockanzeigen geantwortet hat, ist ein Vollweib und keineswegs altjüngferlich wie seine sonstigen „Objekte“. Zudem hat sie kein Geld, das er ihr abluchsen könnte – und sie ist ihm weitaus überlegen, weil besonders kaltblütig. Als Zehnjährige ist sie missbraucht worden. Seither hat sie ein steinernes Herz. Sie durchschaut Rays betrügerische Machenschaften sofort. Und sie will raus aus dem Armuts-Dreck. Also stachelt sie ihn zu weiteren Taten an – und steigert sie entsetzlich.

Die beiden haben sich blitzartig ineinander verliebt, nein: verkrallt. Fortan geht sie mit ihm auf Frauensuche. Doch wehe, wenn er es bei seinen Flirts zu weit treibt. Dann knallt Martha die Dame kurzerhand ab und tarnt es als Selbstmord. Völlig bedenkenlos. Es ist keine gewöhnliche Eifersucht, sondern bedingungslose Besitzgier aus existenzieller Verlassenheit heraus, ein „schwarzes Loch“ in der Seele.

Vielleicht gibt es nur einen, der dieser Furie ebenbürtig ist: den Polizisten Elmer Robinson, dessen Frau sich vor Jahren in der Badewanne das Leben genommen hat. Dies erhitzt ihn noch einmal für die jetzigen Mordfälle. Er mag auch hier nicht an Selbsttötung glauben – und ermittelt immer hartnäckiger. John Travolta, gedrungen, waidwund, irgendwo zwischen Resignation und Sprungbereitschaft, zwischen Betäubung und Hellsicht, gibt diesem „Bullen“ markante Gestalt. Sein finales Psycho-Duell mit Martha ist ziemlich gigantisch. Danach ist er freilich so erschöpft, dass er sich ins harmlose Privatleben mit Freundin und Sohn zurückzieht. Welch ein Eskapismus.

Schon die Anfangsszene hat vor der Todeszelle gespielt. Detailversessen wird später die Hinrichtung des mörderischen Paares gezeigt. Die Krämpfe auf dem elektrischen Stuhl wirken wie ein Exorzismus, die Austreibung des unnennbar Bösen aus der Welt. Eine befremdliche Reinigungs-Phantasie. Vielleicht liegt es daran, dass Regisseur Todd Robinson der Enkel des tatsächlichen Cops Elmer Robinson ist. Er wollte seinem Großvater ein Denkmal setzen – und hat beim Meißeln nicht immer die richtigen Stellen getroffen.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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