Es glitzert das Meer, es funkelt die Seele

Bereits das Baudelaire-Motto, das Eduard von Keyserling (1855-1918) seinem Roman „Wellen“ vorangestellt hat, lässt keinen Zweifel: Das Meer und die Menschenseele, so heißt es da sinngemäß, sind so tief, dass sie ihre Geheimnisse letztlich niemals preisgeben.

Immer wieder spiegeln sich in diesem Roman seelische Regungen in den wechselhaften Erscheinungen des Meeres. Sozusagen jede Farbstufe und jeder neue Lichteinfall werden da sprachlich zum Funkeln gebracht – soweit und so genau, wie es irgend geht. Dieses Werk um des Meeres und der Liebe Wellen darf als Zeugnis des literarischen Impressionismus gelten. In etlichen Passagen fühlt man sich an flirrende Gemälde jener Stilrichtung erinnert. Doch es ist beileibe kein unvermischtes Schwelgen. Schon auf Seite 8 heißt es vielsagend: „Das kränkliche Knabengesicht verzog sich, als täte all dieses Licht ihm weh.“ Tatsächlich wächst der Roman vor allem im höchst individuell geschilderten Leiden seiner Figuren weit über Stil-Attitüden hinaus.

Das bloße Gerüst der Geschichte sieht, flüchtig von heute aus betrachtet, zunächst nach Klischee aus. Aber da täuscht man sich gründlich, so nuanciert und fein schattiert wird hier erzählt, durchaus auf den literarischen Höhen etwa eines Theodor Fontane.

Da ist die ätherisch schöne Doralice, Gattin eines weitaus älteren Mannes von Adel. Als der seine „Erwerbung“ zur Ausschmückung der kostbaren Gemächer malen lässt, bricht sie mit dem Künstler namens Hans Grill aus dem Goldenen Käfig aus und zieht zu ihm. Für damalige Zeiten eine Ungeheuerlichkeit. Der Roman stammt aus dem Jahre 1911.

Die gesellschaftliche Empörung über den Fehltritt wird am Beispiel einer vermeintlich hochwohlanständigen Familie von Rang dargestellt, die sich in Gestalt der präsidierenden Generalin von Palikow als Festung der Moral begreift, deren männliche Vertreter freilich auch insgeheim von jener Doralice doppelmoralisch entzückt sind. Die halbwüchsigen Töchter überlassen sich derweil, wenn sie Doralice nur von fern am Strande wandeln sehen, ebenso unbegriffenen wie verbotenen Träumen von sündhafter Übertretung. Da lodert Gefahr.

Zudem gibt es einige grandios skizzierte Nebenfiguren, die das Geschehen aus der Mittelachse rücken. Im ironischen Sinne besorgt dies mit spitzen kleinen Bemerkungen Fräulein Malwine, die Gesellschafterin der Generalin. Den eher diabolischen Part spielt ein gewisser Herr Knospelius, der nahezu allgegenwärtig das anschwellende Unglück begleitet.

Als die Handlung einsetzt, ist Doralice schon vom einfachen Leben enerviert, das der Maler in flammenden Worten als das einzig wahrhaftige preist. In der Fischerhütte ist es für eine Dame ihrer Herkunft nun einmal nicht bequem, in dieser Kartoffelsuppen-Zweisamkeit hilft kein ideologischer Überbau. Der Sprung in die Freiheit hat ihre Kräfte aufgezehrt. Quälend ist es zu lesen, wie die beiden bereits wieder auseinander driften, Satz für Satz, Wort für Wort. Noch dazu wird sie alsbald von einem feschen Leutnant bestürmt…

Über der Handlung, die zur Sommerfrischenzeit an der Ostsee spielt, liegen eine lastende, somnambule Schwüle, vorgewittrige Stimmung, seelische Überspanntheit und Migräne. Die Zeit erscheint hochsommerlich träge, fast wie angehalten. In diesem Zwischenreich des Ennui könnte schier alles geschehen, die Grundfesten der Gesellschaft könnten erschüttert werden. Könnten. Doch das ist wohl nur glitzernde Sinnestrübung. Auch in solcher Hinsicht bleibt Keyserling, grad zwischen Hoffen und Bangen, Resignation und Heiterkeit, völlig illusionslos.

Eduard von Keyserling: „Wellen“. Roman. Nachwort von Florian Illies. Manesse Verlag, Zürich. 254 Seiten, 19,95 Euro.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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3 Kommentare zu Es glitzert das Meer, es funkelt die Seele

  1. Bernd Berke sagt:

    Stimmt in mancher Weise. Geheimnislosigkeit ist von Übel.

  2. Britta Langhoff sagt:

    „Das Meer und die Menschenseele…………… sind so tief, dass sie ihre Geheimnisse letztlich niemals preisgeben.“

    Diese Zeile habe ich jetzt ein paar Tage für mich gedreht und gewendet und komme zu der Folgerung, dass ich diese Vorstellung letztendlich sehr schön finde.

  3. Ein Auszug aus diesem Buch (gelesen von Arthur Schnabl) kam auf unserer literarisch akzentuierten Auch-Wanderreise von Swinemünde nach Danzig im Juni natürlich auch vor; wenn auch (geographisch gesehen) ein wenig westlich verschoben.

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