Ein paar Gedanken (und Gefühle) bei Durchsicht meiner Büchersammlung

Vor einem Umzug kommt man schon mal auf die Idee, seine Bücher einer Revision zu unterziehen. Um vielleicht „Ballast“ abzuwerfen. Oder auch nicht.

Ein Kernsatz beim Sortieren bemisst sich vorwiegend am Bauchgefühl: Werde ich wohl jemals wieder in dieses Buch hineinsehen? An den Rändern der Sammlung sind mit der Zeit unscharfe Zonen entstanden, in denen sich Bücher gleichsam nur noch versteckt halten und schlotternd auf Nicht-Entdeckung hoffen. Ha! Die sollen mich kennen lernen.

Doch Vorsicht, nichts überstürzen: Denn viele dieser Bücher gehören mehr oder minder zu meiner Biographie. Auch wenn es nicht samt und sonders literarische Gipfelwanderungen sind.

Was muss man in Reichweite haben?

Die großen „Klassiker“ aus allen Zeiten bis in die Gegenwart bleiben selbstverständlich im Fundus. Auch die halbwegs großen. Alles natürlich ziemlich subjektiv betrachtet.

Da türmt sich einiges auf. (Foto: Bernd Berke)

Da türmt sich einiges auf. (Foto: Bernd Berke)

Doch hat sich – nicht zuletzt im Gefolge dieser Leitfiguren – der (literarische) Geschmack entwickelt, so dass man die Schöpfungen eines gängigen „Kult“-Autors wie etwa Nick Hornby nicht mehr unbedingt in den Regalreihen wissen möchte, so sympathisch er als Mensch, Rock- und Fußballkenner und überhaupt als Zeitgenosse auch sein mag. Ich bin halt zu dem Schluss gekommen, dass ich seine gesammelten Werke nicht in Reichweite haben muss.

Von salbadernden Gestalten wie Paulo Coelho mal ganz zu schweigen. Doch dessen Bücher muss man ja gar nicht beiseite stellen. Weil sie hier gar nicht erst vorhanden sind. So viel leserliche Überheblichkeit muss jetzt einmal sein.

Als die Lesezeit unendlich war

Als Student und in vielen folgenden Jahren hat man die Büchersammlung unentwegt anwachsen lassen. Man hatte ja noch so unendlich viel Zeit zum Lesen. Hat man jedenfalls gedacht. Später hat man geglaubt und den Gedanken geradezu gehätschelt, dass man eine gewisse Reserve an noch nicht gelesenen Büchern haben müsse; was ja auch stimmt.

Doch nun, da Begrenzungen sichtbar und spürbar werden, will man seine knappere Zeit erst recht nicht mehr mit minderen Hervorbringungen verschwenden. Und also trennt man sich ziemlich leichten Herzens von einigen. Vor allem von so manchen Sachbüchern, die mitunter sehr schnell gealtert sind. Auch ertappt man sich bei selektiven Gedanken der fragwürdigen Art. Gehört die oder jener nicht zum bloßen „Mittelfeld der Literatur“?

Rasch zum Perspektivenwechsel. Allmählich muss man auch daran denken, Erben zu entlasten. Ich gestehe freimütig: Die beileibe nicht geringe Bibliothek meiner Mutter, die freilich ganz andere Autoren und Schattierungen bevorzugte, habe ich – bis auf wenige antiquarische Bände – nicht übernommen. Es hätte, mit meinen Beständen zusammengerechnet, ohnehin das vernünftige Maß überstiegen.

Das mitleidige Lächeln der Jüngeren

Sichtet man seine Bücher einmal gründlicher, so tauchen einige auf, die man verloren glaubte oder vergessen hatte. Ich sortiere Belletristik nach Autorenalphabet und Sachbücher grob oder fein nach Themen. Da gerät beim Hin und Her der Zugriffe schon mal etwa ins Rutschen. Und siehe da…

Man wird von etlichen jüngeren Leuten bestenfalls mitleidig belächelt, weil man sich überhaupt mit solchen Gedanken martert und sich solche Mühe gibt. Warum denn noch Texte auf Papier? Warum solche tonnenschweren Lasten bei einem Umzug? Ach, es ist die schiere Lebensgewohnheit. Früher einmal galten ordentlich bestückte Bücherwände nicht nur in Kulturmagazinen und Feuilletons als Zeichen. Wofür nochmal?

Kohleofen und Zigaretten

Viele Bände – vor allem Taschenbücher – haben die Jahre nicht schadlos überstanden. Einige überwinterten vor Zeiten noch in einem Zimmer mit Kohleofen, man sieht’s ihnen an. Andere haben über Jahrzehnte Zigarettenrauch in sich gesogen und sind auch sonst vergilbt. Wer weiß, ob nicht auch die früher so rußig-giftige Ruhrgebietsluft manchen Exemplaren schwer zugesetzt hat. Jaja, der regionale Aspekt waltet auch hier.

Fraglich ist, was man mit den aussortierten Büchern machen soll. Sicherlich wird man versuchen, die besser erhaltenen zu spenden – beispielsweise an chronisch unterfinanzierte Stadtteilbibliotheken, Gefangenen-Büchereien, Läden von Hilfsorganisationen wie Oxfam usw.

Ehrfurcht vor dem Buch an sich

Heute gibt es zudem kommerzielle Dienste, die Bücher kostenlos abholen, aber nur Cent-Beträge pro Exemplar bezahlen. Jedenfalls scheut man sich immer noch, sogar übel zugerichtete Bücher so mir nichts, dir nichts in den Papiercontainer zu werfen.

Einst ist einem Ehrfurcht vor Büchern eingeflößt worden. Davon ist noch etwas übrig. Die Heiligkeit gewisser Texte. Die Vorstellung, dass Anhänger mancher Schriftsteller so etwas wie eine geheime „Kirche“ bilden können. Ihr kennt das ja.

Habe ich schon den Spruch gebracht, dass man Bücher eh nicht mit ins Jenseits nehmen kann? Nein? Dann sei es jetzt nachgeholt. Wisset also, dass man Bücher nicht mit ins Jenseits nehmen kann.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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7 Kommentare zu Ein paar Gedanken (und Gefühle) bei Durchsicht meiner Büchersammlung

  1. Bernd Berke sagt:

    Lieber Herr Landsberger, ich bin fest davon überzeugt, dass Ihre private Bibliothek allzeit groß genug sein wird.

  2. Günter Landsberger sagt:

    Nur wenn eine Privatbibliothek groß genug ist, dass auch ihr Besitzer von Zeit zu Zeit in ihr noch stöbern kann, ist der Name Bibliothek gerechtfertigt.
    (GFL, 30.03.2015)

  3. Günter Landsberger sagt:

    (Nebenbei: Nicht in allen Städten gibt es Bibliotheken, die die Bücher, die man gerade – oder auch immer wieder ganz selbstverständlich – braucht, zuverlässig vorrätig haben. Die Möglichkeit sporadischer Fernleihen hilft da auch nur bedingt.)

  4. Michaela sagt:

    Ach, Bücher!
    Da ich erst wieder umziehen werde, wenn entweder das Altersheim oder die Grube winkt, habe ich beschlossen, die Regalwand auszubauen, um der Stapel, die nirgendwo mehr hinpassen, Herr zu werden. Ich weiß, ich weiß – voll bekloppt. Aber wisset, dass auch die eine oder andere Kiste mit aussortierten Trivialwerken der Übergabe an wen auch immer harrt. Irgendwann kommen die weg, ich schwör‘! (Sind dann eh noch genug übrig …)
    Gibt ’s ein Umzugswochenende, an dem man mithelfen (und vielleicht auch heimlich was unterjubeln, höhö) kann?

  5. Bernd Berke sagt:

    Es gibt ja gottlob auch noch Bibliotheken, so dass man nicht alles selbst vorrätig halten muss.

  6. Günter Landsberger sagt:

    Welche Bücher einem einmal wichtig werden, kann man nicht immer klar einschätzen. Zumindest nicht in jedem Lebensalter. Dennoch gibt es immer auch besonders Gutes, „für später“ Aufgespartes, ob es nun irgendwann einmal zum Zuge kommt oder auch nicht. Die Vorfreude bleibt erhalten und wirkt vor, hält gleichsam am Leben.

  7. ingo sagt:

    kann man vllt. nicht, aber schön wäre es denn doch 😉

    Bei diesen abholdiensten krieg ich nur eine unbändige wut im bauch, wenn einem recht klar gesagt wird, dass die 40, 50 70 (bei photobänden) DM, die man mal bezahlte, heute noch für 37 cent gut sind.

    Ich – bewusst – überlass das aussortieren meinen erben, auch wenn das erst in 5 oder 30 jahren sein sollte; solang mir bei einem umzug ein paar paar jüngere schultern für diese sauschweren kisten zur verfügung stehen …

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