Ein paar atemlose Bemerkungen zum „Brexit“

An diesem Thema kann man einfach nicht achtlos vorüber gehen, nicht einmal als Kulturblog aus dem Revier: Großbritannien verlässt also die Europäische Union. Dazu hier ein paar atemlose Notizen des Augenblicks, der gegenwärtigen, durchaus diffusen Stimmung entsprechend. Man muss der beengten Brust ja auch Luft verschaffen.

In den bisweilen über Gebühr zitierten sozialen Netzwerken ist (neben mancherlei Scherz und Ironie) eine Art Schockzustand zu verzeichnen. Auch mancher wüste Vorschlag („Jetzt den Eurotunnel fluten“) lässt indirekt auf Beklemmung schließen.

Briten-Nostalgie aus dem Nippesregal: traditionelles Londoner Taxi und dito Telefonzelle vor Shakespeare-Büchern. (Foto: Bernd Berke)

Briten-Nostalgie aus dem Nippesregal: traditionelles Londoner Taxi und dito Telefonzelle vor Shakespeare-Büchern. (Foto: Bernd Berke)

Etliche Leute rechnen sich schon preiswerte England-Reisen aus oder bangen um den bisher noch halbwegs günstigen englischen Tee. In Frankfurt spekuliert man, ob man jetzt vollends zum neuen Finanzzentrum des Kontinents wird. Viele hegen halt ihre eigennützigen Erwartungen.

Bei Facebook und Twitter setzen unterdessen die üblichen Mechanismen ein. Es werden alle, aber auch wirklich alle Songs gepostet, die sich irgendwie auf den #Brexit beziehen lassen – von „Should I Stay or Should I Go?“ (The Clash) über „Anarchy in the U.K.“ (Sex Pistols) bis hin zu „Hello Goodbye“ von den Beatles.

Es jagen sich die Eilmeldungen. Pfund und DAX stürzen ab, David Cameron kündigt seinen Rücktritt an. Wer weiß, welche Nachrichten dieser denk- und merkwürdige Tag noch bringen wird. Nur eins interessiert uns nicht: ob Erdogan darob in schadenfrohen Taumel gerät. Soll er doch.

Mal ganz nebenbei. Zufällig habe ich gestern ein wenig nach der Ausstattung von Navigationsgeräten geforscht. Und siehe da: Viele Modelle bieten just 22 vorinstallierte Karten („Mitteleuropa“) – ohne die britischen Inseln. Ein Zeichen, ein Zeichen… Demnach müssten freilich auch die bislang verbliebenen skandinavischen Länder bald austreten.

Von der Fußball-EM ganz zu schweigen. Dort sind noch drei Mannschaften dabei, deren Landstriche vom Brexit unmittelbar betroffen sind: England, Wales und Nordirland. Von Rechts wegen müssten sie doch jetzt freiwillig abreisen, oder? Ehrlich gesagt, hat mich das Privileg schon immer gestört, dass sie derart viele Mannschaften entsenden können (Schottland käme im Qualifikationsfalle noch hinzu). Aber in Wahrheit möchte man sie ja allesamt nicht missen, insbesondere nicht die sangesfreudigen Fans.

Apropos Privilegien. Ich kann mir vorstellen, dass die Briten trotz des Austritts gewisse Vergünstigungen im Warenverkehr mit der EU für sich aushandeln werden. Man wird sehen. Lächerlich erscheinen jedenfalls die Insel-Phantasien, die auf „Rule, Britannia“ hinauslaufen, als könnte nun die alte Herrlichkeit des Weltreiches wieder beginnen. Man möchte (im Londoner Wettbüro?) beinahe auf das Gegenteil setzen.

Für den Brexit haben angeblich vor allem die Älteren und die Bewohner ländlicher Bezirke gestimmt. Es hat schon einen bitteren bis absurden Beigeschmack, dass vor allem sie über die Zukunft enscheiden. Schotten und Nordiren waren hingegen mehrheitlich für den Verbleib in der EU. Gut möglich, dass die Schotten nun noch einmal über die Loslösung von Großbritannien abstimmen werden.

Wenn man aber dann die triumphalen Schlagzeilen in den Extrablättern der britischen Boulevardzeitungen sieht (in Riesenlettern „See EU later“ usw.), zweifelt man am letzten Rest des pragmatischen Verstandes, der doch angeblich die Inselbewohner auszeichnet. Die britische Brüllpresse ist allerdings eh eine Welt für sich.

Ganz schlimm wäre es, wenn dies ein Anfang vom Ende wäre. Fliegt uns jetzt das ganze europäische Projekt um die Ohren? Muss es nicht völlig neu ausgerichtet werden, etwa als Union gegen Sozialdumping?

Oder lassen sich die Völker jetzt wieder gegeneinander in Stellung bringen, wie ehedem in finsteren Zeiten?

Macht euch auf lange Leitartikel gefasst. Und hoffentlich auf beherzte Entscheidungen. Auf Weisheit wagt man ja gar nicht zu hoffen.

Übrigens: Man wüsste doch nur zu gern, wie die Queen über all das denkt. Obwohl es nichts ändert.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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5 Kommentare zu Ein paar atemlose Bemerkungen zum „Brexit“

  1. Oliver Wittershagen sagt:

    Wir sind die Dummen!
    Sein Lebensziel sei es gewesen, dass „sein“ Land sich von der EU abwende. Das habe er erreicht. Er. Was danach kommt, oh well…..Schottland raus? Nordirland weg? Weniger von diesem, mehr von jenem? Nigel Farage, UKIP-Leader und überzeugter Eigen-Liebhaber, sieht sich da nun überhaupt nicht in der Verantwortung. Alles egal. Hauptsache das Bier bleibt warm und die Zigaretten werden nicht allzu teuer. Und dass er sich nicht zu schade ist, sich auch weiterhin genau von dieser EU finanziell aushalten zu lassen, scheint ihn nicht zu krümmen – herrlich so ein Sein ohne spine.

    Anti ist einfach. Da kann man dem Volk so herrlich nach dem Mund reden. Tolle Parolen zünden, das kennt man von der Werbung. Lügen können witzig verpackt werden, Wahrheit wird ohnehin überschätzt. Besserwissen, vor allem im Nachhinein, kann jeder. Überhaupt: wer findet nicht, dass „die da oben“ allzu oft über unsere Köpfe hinweg regieren? Und wer will schon behaupten, dass JC Juncker unbedingt das Gute in der EU verkörpert? Farage oder Juncker – da wird es schwierig.

    Dass es den meisten Menschen in der EU eigentlich ganz gut geht – geschenkt. Das haben wir trotz und nicht wegen „denen da oben“ geschafft. Der Gedanke verführt: alles was funktioniert, war sowieso immer schon da. Wir müssen nur aus dem Weg räumen, was unserem größeren Glück im Wege steht. Und wer sich als Bulldozer geriert, dem wollen wir folgen, vor allem, wenn er charmant, cool, redegewandt, im besten Falle attraktiv und sexy daher kommt. Dem recken wir emotional überwältigt unsere Herzen entgegen. Erlöse uns! Führe uns auf den richtigen Pfad!

    Es scheint, dass wir uns nach den Männern (denn das sind sie ja meistens, auch wenn derzeit einige bei Petry ihr Heil suchen) mit den einfachen Erklärungen und Lösungen sehnen. Wohin man dieser Tage auch blickt: ob VW, FIFA, FC Bayern, ADAC, Siemens, CSU, SPD (ja auch die), oder Staat XYZ (Vorsicht: Gauland ist kein Staat!) – überall „Macher“, die ohne Rücksicht auf Verluste mit allen Mitteln ihre höchsteigenen Ziele verfolgen und sich ihre eigene Welt schaffen.

    Das ist schlimm. Aber noch viel schlimmer ist, dass wir diesen Irrlichtern in so vielen Fällen höchst freiwillig und sogar mit Verve unser Leben und unsere Zukunft anvertrauen. Das ist dumm. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Widerspruch muss sein, er ist die Grundlage freien Lebens. Aber jedem Wider wohnt ein Für inne, und für das Für muss es immer einen Plan geben. Niemand sollte gegen etwas sein ohne Idee für eine Alternative.

    Warum ist es so verführerisch, gegen etwas zu sein, statt sich für etwas einzusetzen? Warum vertrauen wir in so vielen Lebensbereichen den lauten Haudraufs und Schnellschützen statt den ruhigen Nachdenklichen, die nach nachhaltigen und umfassenden Lösungen suchen? Warum bekunden so viele Brexit-Gegner (oder eben besser: EU-Befürworter) ihren Willen erst jetzt so emotional, nach dem das Kind in den Brunnen gefallen ist? Darauf müssen wir sehr bald Antworten finden. Denn sonst sind wir Dummen sehr bald wirklich die Dummen.

  2. Die Queen hatte – laut Daily Mail und anderen Printmedien – ihre Gäste aufgefordert, ihr drei gute Gründe für den Verbleib in der EU zu nennen.

  3. Sabine Schwalbert sagt:

    Hallo Bernd, der Queen werden ja hier und da in den sozialen Medien Statements für den Brexit nachgesagt – das wäre allerdings ziemlich dumm von ihr. Damit ist sie allerdings wieder in guter Gesellschaft ihrer Landsleute, und altersmäßig passt es auch: Gerade die Alten, die WW II wenn auch nur ansatzweise miterlebt haben, wünschen sich die die englische Pracht und Herrlichkeit zurück. Dabei ignorieren sie geflissentlich, dass Großbritannien an den Folgen des Zweiten Weltkriegs noch bis zum Ende der 50er Jahre zu knabbern hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn solange gab es, als in Deutschland schon wieder mit Toast Hawaii geprasst wurde, Lebensmittelgutscheine und Rationierungen.

  4. Bernd Berke sagt:

    Hallo Paul, während du kommentiert hast, habe ich zwei Sätze über Schotten und Nordiren eingefügt – und darüber, dass offenbar die Älteren des Ausschlag gegeben haben.

  5. Paul Blösl sagt:

    Hi Bernd,
    du hast noch eins vergessen: Das gefühlt heute schon hundert Mal gelesene „Little England statt Great Britain“, sollten Schotten und Nordiren die Schnauze voll haben.
    Und bei den Fußballfans ist es ja wohl auch so, dass die englischen am wenigsten vermisst werden (Iren, Nordiren, Schotten und auch gerne Wales: Refugees welcome ;-))

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