Soziale Miniaturen (15): Zuckfuß

Nein, es ist eigentlich gar nicht komisch – und doch…

In der Arztpraxis. Etwa einen Meter vor dem Empfangs-Tresen ist die übliche Linie auf den Boden gezeichnet, die da bedeuten soll: Bitte Diskretion!

Die ältere Dame im Kamelhaarmantel, die jetzt an der Reihe ist, spricht allerdings so laut, dass man nichts überhören kann. Sie muss einmal recht elegant gewesen sein, doch heute achtet sie wohl nicht mehr so sehr auf sich.

Krankenhausflur (Foto: Bernd Berke)

Krankenhausflur (Foto: Bernd Berke)

Was sie der Arzthelferin mitteilen möchte, gestaltet sich schwierig. Immer und immer wieder diese Nachfragen. Ein zäher Dialog. Die Warteschlange wird währenddessen nicht kürzer.

Es geht um eine Klinik-Einweisung. Ja, wieso denn? Welche Klinik? Nach längerer Wechselrede scheint schließlich einigermaßen festzustehen, dass es sich um ihren „Zuckfuß“ handelt.

Zuckfuß. Dieses gleichsam selbst zuckende Wort wird sie fortan wie eine neckische Formel einstreuen. Vielleicht hat sie gelernt, durch hartnäckige Wiederholung aus einer gewissen Verzweiflung für sich selbst etwas distanzierende Komik zu schöpfen? Sie kokettiert geradezu damit.

Doch weiter geht’s mit der Befragung. Warum hat sie diesen Zuckfuß? Gibt es schon eine tragfähige Diagnose? Endlich rückt sie mit der Sprache heraus: „Ja, vom Kopf her.“ Das müsse näher untersucht werden. Also soll sie in die Neurologie gehen? Offenbar ja. Es steht wohl eine MRT-Untersuchung an. Wirklich nicht witzig.

„Ach. Und da wäre noch etwas.“ – „Ja? Was denn?“ – „Ja, diese Botox-Sache.“ – „Wie bitte?“ – „Ja, ich soll doch – äh – gebotoxt werden.“ – „Warum denn das?“ – „Ja, wegen dem Zuckfuß…“ Jetzt muss sie selbst leise lachen. Und auch die Arzthelferin glaubt, nun endlich herausprusten zu dürfen. Diskret war das alles nicht. Aber dann doch lustig. Irgendwie.

P. S.: Nachher habe ich „Zuckfuß“ in eine Suchmaschine eingegeben und erfahren, dass es sich vorwiegend um eine Pferdekrankheit handelt und man auch „Hahnentritt“ dazu sagt. Steigert oder mindert das nun die Komik?

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Mit diesem Beitrag soll die 2011/2012 begonnene und dann abgebrochene Textreihe “Soziale Miniaturen” sporadisch wieder aufleben. Die bisherigen Folgen:

An der Kasse (1), Kontoauszug (2), Profis (3), Sandburg (4), Eheliche Lektionen (5), Im Herrenhaus (6), Herrenrunde (7), Geschlossene Abteilung (8), Pornosammler (9), Am Friedhofstor (10), Einkaufserlebnis (11), Gewaltsamer Augenblick (12), Ein Nachruf im bleibenden Zorn (13), Klassentreffen (14)

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), davon die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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