Neuer Roman: Wilhelm Genazino erkundet die „Liebesblödigkeit“

Von Bernd Berke

Seltsamen Beschäftigungen gehen die Figuren in Wilhelm Genazinos neuem Roman „Die Liebesblödigkeit“ nach. Der Ich-Erzähler verdient seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen über die Apokalypse, also den drohenden Verfall und Untergang der Welt.

Wenn dieser Mann durch die Stadt streunt, begegnet er Leuten wie dem Panik-Berater oder der Staubforscherin. Auch kreuzt häufig ein krankhafter Post-Hasser seine Wege, der dem Unternehmen jede winzige Verfehlung verübelt und sie gerichtsverwertbar dokumentieren will.

Man kennt vom Büchner-Preisträger Genazino seit jeher solche skurrilen Merkwürdigkeiten. Bei ihm gibt es keine „Kleinigkeiten“. Jede noch so geringfügige Alltags-Wahrnehmung auf Straßen und Plätzen, in Läden oder Lokalen hat Gewicht, sei der Befund nun tröstlich oder niederschmetternd.

Billigstgeschäfte und „Ekelstahlbänke“

Meist geht es um (Zitat) „Deformationen, die unscheinbar in unser Leben eindringen und uns allmählich die Luft abdrücken.“ Es kann betrüblicher Schwachsinn im Fernsehen sein, der manche Hirne vernebelt. Für überfallartige Depression sorgen auch die tristen Billigst-Geschäfte, die vielen Anzeichen einer neuen Armut oder hässliche neue Stadtmöbel aus Edelstahl, die hier als „Ekelstahlbänke“ missfallen.

Den allein wohnenden Erzähler plagt zudem ein privates Problem: Er laviert zwisehen zwei Frauen namens Sandra (Sekretärin) und Judith (gescheiterte Pianistin), die nichts voneinander wissen. Anfangs redet er sich den Zustand schön: „Ich kann die dauerhafte Liebe zu zwei Frauen nur empfehlen. Sie wirkt wie eine wunderbare Doppelverankerung in der Welt. Man wird mit Liebe gemästet.“

Doch bald greift die erotische Gespaltenheit auf andere Bereiche, ja auf die ganze Existenz über. Jene geradezu schizophrene „Liebesblödigkeit“ beginnt zu keimen. Sie wuchert unterschwellig weiter. Muss er sich also von einer der beiden Damen trennen?

Sex-Verrenkungen auf wackligen Weinkisten

Verschlimmert wird die Irritation durch den einsetzenden Prozess des Alterns, der sich durch peinliche Kindheits-Erinnerungen ankündigt und oft als traurige Groteske äußert: Wegen erster Krampfadern braucht der Apokalyptiker Stützstrümpfe, die er aber verschämt beiseite legt.

Auch erfordert die Sexualität bei nachlassender Beweglichkeit manche Verrenkung. Die „Liebesbastlerin“ Sandra muss sich auf wacklige Weinkisten stellen und sich am Türpfosten festhalten – sonst geht „es“ nicht mehr schmerzfrei. Den Erzähler beschleicht der Verdacht, er stehe kurz vor seiner „Enderektion“, der finalen Erregung.

Der allseits erschöpfte Mann sieht nicht nur sein Leben bröckeln, sondern auch einen neuen Faschismus heraufdämmern – schon ohne rechtsradikale Umtriebe. Bereits die (Selbst-)Kennzeichnung bestimmter Menschen „Außenseiter“ wird zum Menetekel. Doch es eröffnet sich schließlich eine vage Aussicht aufs „Überleben“ in Würde und in entlastender „Belanglosigkeit“…

Passend zur“ schleichenden Apokalypse gibt es hier allerlei Anlass zum Heulen und Zähneklappern, doch auch Gelächter liegt stets nah. Mit Galgenhumor taumelt dieses waidwunde Ich durch sein Dasein. Genazino schreibt erneut eindringliche „Kammermusik“, die lang und leise nachklingt.

Wilhelm Genazino: „Die Liebesblödigkeit“. Roman. Hanser Verlag, 203 S., 17,90 Eure.

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Über Bernd Berke

Langjähriger Kulturredakteur bei der Anfang 2013 verblichenen Westfälischen Rundschau (Dortmund), die letzten elf Jahre als Ressortleiter. Zwischenzeitlich dies und das, z. B. Zeitschriften, diverse Blogs und Online-Auftritte. Seit 2011 hier. Und anderswo. Und überhaupt.
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